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Motive der Trump-Anhänger : Die Irrtümer der Wähler-Beschimpfer

Früher war alles greater: Donald Trump im Jahr 1988 Bild: AP

Wahlen sind keine Intelligenztests. Wer Trumps Erfolg an fehlenden Bildungsabschlüssen festmacht, übersieht die Fehler der Vergangenheit – und blendet Arroganz und Selbstzufriedenheit im Anti-Trump-Lager aus. Ein Kommentar.

          Es ist merkwürdig. Alle, die am Mittwoch geschockt waren, weil sie am Dienstag noch geglaubt hatten, das könne nicht passieren, wissen an diesem Donnerstag, woran es gelegen hat: an der Dummheit der amerikanischen Wähler; daran, dass so viele von ihnen nicht einmal einen College-Abschluss haben; an ihrer Leichtgläubigkeit, die für Lügen hält, was in den Zeitungen steht, die sie nicht lesen, aber für wahr, was der Fernsehsender Fox ausstrahlt; am Rassismus, der in seiner weißen männlichen Ausprägung hier gerade zu seiner letzten Abwehrschlacht angetreten sei; an der Internetverblödung in den Facebook-Gesinnungskapseln, in die nichts mehr eindringt, was die einmal gefassten Meinungen über die Welt irritieren könnte; daran, dass die Wähler von Donald Trump mehrheitlich im Landesinneren und nicht in den aufgeklärten Küstenregionen, vor allem aber nicht in Großstädten und in der Nähe von Universitäten leben; an der Angst vor der Globalisierung; an der Verachtung von Minderheiten; an der Verachtung des Establishments.

          Die Schwierigkeit, die in dieser Liste denkbarer Motive, Donald Trump gewählt zu haben, steckt, ist nur: Das alles hätte man vorher wissen können. Warum ist man also geschockt? Leben die Chefinterpreten der öffentlichen Meinung, leben die politischen Experten ihrerseits in anschauungsdichten und begriffsarmen Kapseln, in denen die Welt mehr Wille als Vorstellung ist? Haben sie sich dort beispielsweise so sehr eingeredet, Hillary Clinton gehöre zu den Guten und Barack Obama sei ein prima Präsident gewesen, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnten, ein Mensch von Verstand – und mehr noch von Moral – wähle Trump? Denken diejenigen, die sich gebildet vorkommen, so hoch von ihrer Bildung, dass sie ihr das Überraschtwerden von diesem unliebsamen Wahlergebnis durchgehen lassen, um sogleich zur Unbildung, ja Verrücktheit der amerikanischen Wähler überzuleiten?

          Der Zorn ist gegen Widersprüche resistent

          Dass Wahlen keine Intelligenztests sind und die Wahlberechtigung nicht an Bildung hängt, gilt für alle Demokratien. Dass es nur Emotionen und Affekte wären, die diese Wahl erklären können, ist insofern ein wohlfeiles Besserwissen. Es führt zur Replik „Was heißt hier nur?“ und bestenfalls zu der Frage, weshalb es den Demokraten nicht möglich war, einer Mehrheit die angeblich irrationalen Globalisierungsängste, ihre angeblich irrigen Affekte gegen Washington und New York und ihren Zorn über eine Politik, die als verlogen wahrgenommen wird, zu nehmen.

          Tatsächlich ist es nicht leicht, der Wählerschaft von Donald Trump einheitliche Motive zuzuschreiben. Es ist vor allem deshalb schwer, weil Trump selbst ein Bündel von Widersprüchen ist. Sieht man von der Mauer ab, die er an der Grenze zu Mexiko errichten will, hat er fast zu jedem politischen Thema die unterschiedlichsten Mitteilungen gemacht. Wer findet, dass Amerika in Syrien aufräumen sollte, kann sich genauso auf ihn berufen wie Anhänger der Monroe-Doktrin. Kapitalismus ohne mobiles Kapital, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ohne Wohlfahrtsstaat und ohne Freihandel, die Rückkehr amerikanischer Tugenden im Rahmen von Sexismus und Fremdenfeindlichkeit, die Erstarkung der amerikanischen Ökonomie ohne die Eliten an Ost- und Westküste – eine Aufzählung der Inkonsistenzen Donald Trumps wäre abendfüllend. An ihrem Ende stände aber bloß die Einsicht, dass es eben auf Stimmigkeit gar nicht ankommt, weder Trump selbst noch seinen Wählern.

          Wer es ihnen verargt, sollte zuvor einen Moment lang nachdenken, welche Lehrstücke an Stimmigkeit die angeblich Guten zuletzt aufgeführt haben. Weltweit haben sich die Sozialdemokratie und die „liberals“ als Arbeitsgruppe „Umverteilung nach oben“ bekanntgemacht, weltweit der Konservatismus als Verein zum Abnicken jedweder technokratischen Reform, weltweit der Liberalismus als Interessengemeinschaft Vermögensbesitz. Besonders amerikanische Wähler durften durchaus den Eindruck haben, dass zuletzt und seit Jahrzehnten die soziale Ungleichheit wie die Plutokratie unter jeder „Administration“ wuchs, ganz gleich, welcher Partei sie zugehörte. Den Wählern ihre Unbildung vorzuhalten, lenkt davon ab, dass die Bereitschaft, von Trumps Redensarten nicht mehr als krasse Unterhaltung zu verlangen, auf Erfahrungen mit den Redensarten der anderen beruht und auf Erfahrungen mit der Wirklichkeit, die diesen Redensarten folgte.

          Amerika ist mehr als New York und Silicon Valley

          Für Deutschland gilt, dass jede politische Talkshow den Populisten Wähler zuführt, weil viele die Phrasen nicht mehr anders als durch Affekte verarbeiten können. Man kann sich leicht ausrechnen, wie es in einem Land aussieht, das in puncto sozialer Ungleichheit und womöglich sogar in puncto Phrasen noch ganz anderes zu bieten hat.

          Der Einwand, Trump selbst sei doch der größte Phrasendrescher, Teil der Plutokratie und bestimmt niemand, der sich in sozialen Fragen festbeißen wird, verfängt nicht. Denn er trifft zwar zu, sieht aber darüber hinweg, wie wenig es bei dem Willen, den Eliten einen Denkzettel zu verpassen, darauf ankommt, was und ob überhaupt etwas auf dem Denkzettel steht. Das galt für den Brexit, das gilt jetzt fürs Weiße Haus. Unfassbare Dummheiten, die sich eine Wählerschaft aber herausnimmt, die unter dem Eindruck steht, andere als krasse und dann eben auch krass törichte Botschaften drängen gar nicht mehr nach oben durch. Nichts individualisiert so sehr wie Widerstand gegen das Unabänderliche.

          Je mehr also Politik den Leuten einredet, es gehe gar nicht anders, und je mehr sie zugleich dauernd etwas anderes macht und sich das als Pragmatismus zugutehält, desto mehr werden Wähler zur Anhängerschaft von etwas Irrationalem bereit sein. Nach einem berühmten Wort werden sie dabei nicht zu ihrem Recht kommen, sondern nur zu ihrem Ausdruck. Aber denjenigen, die glauben oder sich gern einreden lassen, zu ihrem Recht kämen sie ohnehin nicht, ist Ausdruck offenbar genug. Es sind also nicht die amerikanischen Wähler, über deren Dummheit oder Unbildung jetzt gesprochen werden müsste. Die Frage, die das Rätsel Trump stellt, ergeht vielmehr an jene, die jetzt ihr Erschrockensein ausstellen. Wie steht es um ihre Kenntnis der Zonen, aus denen jene Wähler kommen, wie um ihre euphemistische Einschätzung von Trumps Konkurrentin, wie um ihre historische Bildung und wie um ihren Glauben an Demoskopie?

          Werden auch nach der Präsidentenwahl nicht ernst genommen: Anhänger von Donald Trump.

          Man denkt bei Amerika an New York und an das Silicon Valley, mehr an Princeton als an Trenton, lässt sich die Ungleichheit in Amerika gern von Thomas Piketty erklären, drückt David Graeber und Occupy die Daumen; aber kommt man nicht auf die Idee, dass die meisten Wähler keine Studenten sind und, anders als Studenten, von der Globalisierung gar nicht profitieren? Man findet, dass alle Leute die Gesellschaft eigentlich super finden sollten, weil es einem selbst gut geht. Wenn die Leute wütend sind, hält man ihnen Vorträge über Vielfalt oder verweist sie an eine Linke, die es nicht gibt. Und glaubt, dass schon nichts passieren wird. Wie gebildet ist das eigentlich?

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