https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/mord-an-samuel-paty-in-frankreich-trifft-der-terror-die-schule-17009837.html
Bildbeschreibung einblenden

Islamistischer Mord an Lehrer : Die Angst regiert

Am Sonntag gingen zehntausende Franzosen in Paris und weiteren Städten auf die Straße, um für Meinungsfreiheit zu demonstrieren und ihre Solidarität auszudrücken. Bild: AFP

„Die Lehrer sind Zielscheiben“: Nach dem Mord an Samuel Paty kann Frankreich die islamistische Bedrohung von Schulen nicht länger leugnen. Wird das Land auch diesmal versuchen, seine Konflikte in Erinnerungspolitik aufzulösen?

          3 Min.

          Der Prozess gegen die Komplizen der Terroristen, die das Attentat auf „Charlie Hebdo“ verübt hatten, war längst im Gange, als neunzig führende Medien ein Manifest für die Meinungsfreiheit veröffentlichten. Keine Zeitung illustrierte den Aufruf mit einer der Mohammed-Karikaturen, die das Satiremagazin zum Auftakt des Prozesses nochmals gedruckt hatte. Wieder kam es zu Morddrohungen, eine Mitarbeiterin musste innerhalb von zehn Minuten ihre Wohnung verlassen – unter Polizeischutz steht sie seit 2015. Ein Messerangriff vor dem früheren Redaktionsgebäude forderte zwei Schwerverletzte. Auch der Geschichtslehrer Samuel Paty, der am Freitag enthauptet wurde, hatte zwei Wochen zuvor in einer Lektion über die Presse- und Meinungsfreiheit den Schülern die Karikaturen gezeigt.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit ihrem Manifest für die Pressefreiheit reagierten die Zeitungen auf die Verhandlungen vor Gericht. Vom „Prozess über eine Niederlage“ hatte der Anwalt von „Charlie Hebdo“, Richard Malka, gesprochen und die Mutlosigkeit der Zeitungen angeklagt. Zeugen und Überlebende unterstrichen im Gerichtssaal, wie sehr sich die Lage seit dem Attentat verschlechtert habe. Die Angst triumphiert – es gibt, stellte Malka resigniert fest, keine Bücher, keine Ausstellungen, keine Filme und Stücke, die sich kritisch mit dem Islam befassen.

          „Charlie Hebdo“ rechnete mit den Politikern und Intellektuellen als geistigen Komplizen der Terroristen ab. Aus Angst, der „Islamophobie“ Vorschub zu leisten, verniedlichten sie die totalitäre Bedrohung. Auch der Aufruf der Medien zur Verteidigung der Pressefreiheit ist nicht als mutige Kampfansage formuliert. Begriffe wie „Islamismus“ und radikaler Islam vermeidet er. Von Fanatikern ist die Rede – aber ohne ideologische Zuordnung.

          Eine lange ignorierte Bedrohung

          Das barbarische Attentat trifft ein Symbol der Republik. In den Schulen war ein Verbot des Kopftuchs angeordnet worden, das Frankreich zum Feindbild der muslimischen Welt machte. Der Tod Samuel Patys zwingt Frankreich, sich einer Realität zu stellen, die es zwar kennen könnte, doch verdrängt. In allen Medien erzählen Lehrer aus der Banlieue, dass es längst unmöglich geworden sei, Themen wie die Biographie des Propheten, die Schoa, den 11.September oder auch Darwin zu behandeln. Und freimütig bekennen sie, dass sie aus Angst und weil sie von den Schulbehörden nicht wirklich unterstützt würden, den Konflikten aus dem Weg gehen. Sie üben sich in Selbstzensur. Der Kniefall der Kultur, den „Charlie Hebdo“ anprangerte, ist in der Schule alltäglich; an vielen Orten war die Schweigeminute für die toten Journalisten seinerzeit gestört worden.

          „Die Lehrer sind Zielscheiben“: 2004 erarbeitete Jean-Pierre Obin, ein Inspektor des Schulministeriums, einen Bericht über den zunehmenden Einfluss des Islams in den Schulen. Er verschwand in der Schublade des damaligen Bildungsministers François Fillon; Auszüge gelangten an die Öffentlichkeit, doch Konsequenzen gab es keine.

          Tatsächlich ein Märtyrer der Republik

          In diesem Herbst hat Obin ein Buch veröffentlicht: „Wie man den Islam in die Schule eindringen ließ“. Probleme gibt es nicht nur im Geschichts- und Biologieunterricht. Im Fach Französisch stößt der Lehrer mit der unmoralischen Emma Bovary und dem Religionskritiker Voltaire auf Widerstand. Immer mehr Mädchen bleiben zudem dem Turn- und Schwimmunterricht fern. Dreiste Kampagnen empörter Eltern, die in den Netzwerken die Entlassung und Bestrafung der Lehrer fordern, gibt es seit längerem. Erstmals aber hat jetzt der Fanatismus eines Vaters, der sich mit einem Hassprediger zusammentat, nach zwei Wochen zu einem Mord geführt.

          Mitverantwortlich für die Tat des achtzehn Jahre alten Tschetschenen ist auch der Furor der „Cancel Culture“. Sie heizt das Klima gegen Aufklärung an und bewundert insgeheim die Terroristen als Widerstandskämpfer im gemeinsamen Feldzug gegen die Republik der Diskriminierung.

          Mit der historischen Diskriminierung der Homosexuellen wurde unlängst die Forderung nach der Überführung von Rimbaud und Verlaine ins Pantheon begründet. Nun ist von der Überführung Samuel Patys die Rede – der tatsächlich ein Märtyrer der Republik ist. Auch die Schule, an der er unterrichtete, soll nach ihm benannt werden. Immer wieder ist Frankreich versucht, seine Konflikte in Erinnerungspolitik aufzulösen. Aber nach Jahren der Trauermärsche für Terroropfer scheint man die Dringlichkeit des Handelns zu erkennen. Bei den Gedenkzeremonien für den Geschichtslehrer war der Überdruss stärker als die Einmütigkeit: „Es reicht jetzt mit den Kerzen und Kränzen.“

          Weitere Themen

          Er hatte keinen Ruf zu verlieren

          Wilhelm von Boddien : Er hatte keinen Ruf zu verlieren

          Und der Kampf ist noch nicht zu Ende: Wilhelm von Boddien erinnert sich an seinen über drei Jahrzehnte währenden Einsatz für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses.

          Topmeldungen

          Ein pensionierter Sportlehrer leitet den Kurs „Fit im Alter“ im Gesundheitskiosk Hamburg-Billstedt.

          Streit um Gesundheitksioske : Einmal gesund werden, bitte

          Karl Lauterbach will, dass bundesweit Hunderte Gesundheitskioske entstehen. Ihr Nutzen ist umstritten, viele Kassen wollen das Geld lieber anders ausgeben. Ein Modellprojekt bangt schon um seine Zukunft.
          Bundesjustizminister Marco Buschmann

          Klimaproteste : „Gewalt hat in der Demokratie nichts verloren“

          Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ haben sich laut Bundesjustizminister Marco Buschmann „in mehrfacher Hinsicht strafbar“ gemacht. Bundesverkehrsminister Volker Wissing fordert eine Aufarbeitung der Flughafenblockade.
          Stahlproduktion in Duisburg

          Wirtschaftslage in Deutschland : Wie schlimm wird die Rezession?

          Die deutsche Wirtschaft kommt trotz Energiekrise ohne katastrophale Schäden durch die kommenden Monate, versprechen Forscher. Doch in den Unternehmen geht die Angst um.
          Verena Hubertz, 34, ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag.

          Verena Hubertz : Plötzlich mächtig

          Gerade hat Verena Hubertz ein Start-up gegründet. Nun ist sie die wichtigste Wirtschaftspolitikerin der Kanzlerpartei. Eine Karriere mit Giga-Geschwindigkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.