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Der Mord an Walter Lübcke : Wessen Moral?

Den politischen Mord kannte auch Schiller. In seiner „Bürgschaft“ schlich Damon zu Dionys, dem Tyrannen, „den Dolch im Gewande“. Bild: Rainer Wohlfahrt

Ob ein Attentat Akt des Terrors oder Tyrannenmord war, darüber entscheidet immer die Geschichte. Wer dem Täter von Kassel aber eingeredet hat, dass es um Widerstand gehe – das zeigt die Gegenwart.

          Der politische Mord (respektive der Versuch) hat in Deutschland einen guten Ruf, eine gute Presse und wird auch in den Schulen angemessen behandelt. Bis vor kurzem kannten die meisten Gymnasiasten zumindest die ersten Verse von Schillers „Bürgschaft“, von Damon, der zu Dionys, dem Tyrannen, schlich, „den Dolch im Gewande“.

          Und in knapp drei Wochen wird das ganze Land, sehr zu Recht, wieder Claus Schenk Graf von Stauffenbergs gedenken, des Wehrmachtsoffiziers, dessen Bombe leider den Tyrannen nicht töten konnte. Und über dessen Beweggründe noch immer gestritten wird. Thomas Karlauf hat, in seiner neulich erschienenen Biographie, die These gewagt, es seien, letztlich, die Gedichte Stefan Georges gewesen, die Stauffenberg zum Attentat gedrängt hätten.

          Sophie von Bechtolsheim, Stauffenbergs Enkelin, weist in ihrem soeben erschienenen Buch „Stauffenberg – Mein Großvater war kein Attentäter“ schon im Titel den Begriff zurück: weil, wie sie im Interview mit der „NZZ“ sagt, man dabei an Terroristen denkt, „die mit Gewalt Aufmerksamkeit erregen wollten, an den IS, die RAF, Anders Breivik“.

          Ausdruck einer paranoiden Vernunft

          Was, aus der Sicht der Enkelin, absolut ehrbar und verständlich ist. Und was doch das Dilemma der Tat, ob wir sie „Tyrannenmord“ nennen (wie Bechtolsheim vorschlägt) oder „Attentat“, nicht auflösen kann: dass erst das Urteil der Geschichte über den, der sterben musste oder sollte, darüber entscheidet, ob ein Attentat ein Akt des Terrors war. Oder doch eine Heldentat. Im Moment der Tat kann sich der Täter nur auf eine höhere Erkenntnis (die Manfred Schneider, in seiner lesenswerten Studie „Das Attentat“, die „paranoide Vernunft“ nennt) berufen. Und auf eine Moral, die zwangsläufig über den geltenden Gesetzen steht.

          Weil die Annahme, der Mörder von Kassel könnte sich selbst mit Stauffenberg, sein Opfer Walter Lübcke mit Hitler und, womöglich, Alexander Gauland mit Stefan George verwechseln, gar zu absurd ist, werden Motiv und Strategie des Täters und seiner Gesinnungsgenossen eher so gedeutet, dass es darum gehe, in alle möglichen Richtungen Angst und Schrecken zu verbreiten, die Autorität des Staates zu untergraben, dessen Repräsentanten einzuschüchtern und in die rechtsextreme Szene hinein die Botschaft zu schicken, dass solche Taten nachgeahmt werden dürften. Was schrecklich genug ist – dass es zu ausgefeilteren Strategien aber nicht reicht, konnte man in der vergangenen Woche in der „Süddeutschen Zeitung“ nachlesen, wo noch einmal ausführlich geschildert wurde, wie jene Verschwörung, die sich „Revolution Chemnitz“ nannte und die das politische System der Bundesrepublik umstürzen wollte, schon am ersten Abend daran scheiterte, dass die Verschwörer zu dumm und bald auch zu betrunken waren, mehr als bloß eine Prügelei anzufangen. Die Polizei, so sieht es aus, bemerkten sie auch erst, als sie fast schon festgenommen waren.

          Den Tyrannenmord unterscheidet vom Terrorakt vor allem die Aussicht, dass mit dem Tod des Tyrannen auch die Tyrannei zu Ende gehe, dass die Tat also nicht bloß ein Zeichen sein will. Aber wenn es um Manfred Schneiders paranoide Vernunft geht, um die Suche nach einer Erkenntnis, die sich der Mehrheit leider noch nicht offenbart hat, einer Moral, die sich in der Tat manifestiert: Dann muss man nicht lange suchen, um zu sehen, woher der Täter von Kassel seine Legitimation beziehen konnte. Man braucht noch nicht einmal Björn Höckes schwärzeste Sätze zu zitieren. Es war der Bürgerlichkeitsdarsteller Alexander Gauland, der die Kanzlerin eine „Kanzler-Diktatorin“ nannte und deren Politik den „Versuch, das deutsche Volk allmählich zu ersetzen durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeigekommene Bevölkerung“. Als was soll man solche Sätze lesen, wenn nicht als Ausdruck einer paranoiden Vernunft? Und als Aufforderung zum Widerstand?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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