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Moralist Günter Grass : Beichten Sie, es wäre für Sie eine Erleichterung!

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Moralist und Wahlkämpfer: Günter Grass in den 60er Jahren Bild: picture-alliance/ dpa

Günter Grass und Wirtschaftsminister Karl Schiller waren Freunde. Bis der Autor der „Blechtrommel“ den angesehenen Politiker dazu aufforderte, mit seiner NS-Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu gehen. In zwei der F.A.Z. vorliegenden Briefen von 1969/70 zeigt sich Grass auf der Höhe seiner Verdrängungskunst.

          Günter Grass rackerte. Fünfzig Auftritte hatte er bereits hinter sich im Juli 1969, überall in der Republik, wo Stimmen gegen CDU und CSU zu holen waren. In Gewerkschaftshäusern, Betrieben und verrauchten Kneipen stritt er für Willy Brandt und die SPD.

          Auch Karl Schiller (SPD) machte Dampf. Der Wirtschaftsprofessor zog in den Wahlkampf, wie er es gelernt hatte als Berliner Wirtschaftssenator und dann, seit 1966, als Wirtschaftsminister der Großen Koalition in Bonn. Schiller propagierte, plädierte und feuerte - auch gegen seinen eigenen Kanzler: Öffentlich spielte er im August 1969 auf Kurt Georg Kiesingers frühere Tätigkeit als stellvertretender Abteilungsleiter für Propaganda im Reichsaußenministerium an. Er schien dabei vergessen zu haben, daß seit einer „Spiegel“-Titelgeschichte vom April jenes Jahres auch seine eigene Vergangenheit allseits bekannt war: 1933 war er als Zweiundzwanzigjähriger in die SA gekommen, später dem NS-Dozentenbund und der NSDAP beigetreten. Während des Krieges hatte er von Kiel aus für das Oberkommando der Wehrmacht Gutachten erstellt und darin die ökonomischen Potentiale und Rohstoffquellen verschiedener europäischer Staaten analysiert. Mit dieser Vergangenheit war Schiller kein ungewöhnlicher Deutscher. Aber aus Sicht von Günter Grass beging er mit der Kiesinger-Kritik einen großen Fehler.

          Hinausgezögertes Gewitter

          Der Autor der „Blechtrommel“ hatte schon einige Wochen vorher einen Brief an den Wirtschaftsminister aufgesetzt. Er wolle ihn „unumwunden bitten, bei nächster Gelegenheit - und zwar in aller Öffentlichkeit - über Ihre politische Vergangenheit während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen“, schrieb Grass am 15. Juli 1969 an Karl Schiller. Und: „Ich hielte es für gut, wenn Sie sich offen zu Ihrem Irrtum bekennen wollten. Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie ein reinigendes Gewitter.“

          Ein Gewitter, wie Grass es für sich selbst noch siebenunddreißig Jahre hinauszögern sollte: Erst kürzlich erklärte er der Öffentlichkeit in einem Interview mit dieser Zeitung, daß er als Siebzehnjähriger freiwillig Mitglied der Waffen-SS wurde. Der politische Schriftsteller, der so oft jene zu stellen versuchte, die ihre eigene NS-Vergangenheit verharmlosten, sah über seine eigene Verstrickung hinweg.

          Der junge Freiburger Politikwissenschaftler Torben Lütjen hat den Brief von Günter Grass an Karl Schiller bei Recherchen für seine Karl-Schiller-Biographie gefunden. Das Manuskript dazu hatte er schon abgeschlossen, als Grass seinen „Irrtum“ bekannte. Lütjen konnte nicht ahnen, daß ihm im Bundesarchiv in Koblenz ein ungewöhnlich intimes Beispiel für die Verdrängungskunst des Schriftstellers untergekommen war: Nicht, wie so oft, im Feuilleton der großen Zeitungen, im Radio oder im Scheinwerferlicht gibt Grass hier die moralische Instanz. Er äußert sich fernab von einem Publikum. Seine Zeilen an Schiller lesen sich vergleichsweise leise. ...

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