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Moral in China : Wo wir unser Herz verloren haben

  • -Aktualisiert am

Die zweijährige Yue Yue (rechts unten) auf der Straße, kurz bevor sie überfahren wurde Bild: dapd

Krasse Fälle von unterlassener Hilfeleistung lassen China über sich selbst erschrecken. Offizielle Instanzen klagen Alltagsmoral ein und legen zugleich das Wegschauen nahe.

          5 Min.

          Mitten im Aufstieg plötzlich ein Niedergangsszenario. Das war vor dreißig Jahren noch anders, sagen die Leute im Internet und in den Leitartikeln. Gemeint ist die Lage der Moral, über die in China eine zwischen Ratlosigkeit und Sarkasmus schwankende Verfallsdebatte entbrannt ist.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgendes hatte sich in Foshan in der Provinz Guandong ereignet. In anderen Städten war zuvor schon Ähnliches passiert. Ein zweijähriges Mädchen war von zwei Lastwagen überfahren worden, die das Weite suchten, und in den nächsten sieben Minuten gingen achtzehn Menschen an dem reglos auf der Erde liegenden Körper vorbei, bis eine 57 Jahre alte Müllsammlerin das Kind von der Straße trug und nach den Eltern suchte; eine Woche später starb das Mädchen im Krankenhaus. Der Vorgang war von einer Überwachungskamera dokumentiert worden und machte seine Runde durch die sozialen Netzwerke. Nicht weniger als 4,5 Millionen Einträge beschäftigten sich auf dem chinesischen Kurzmitteilungsdienst Sina Weibo mit dem Fall. „Das chinesische Volk hat seinen tiefsten moralischen Punkt erreicht“, schreiben viele der Kommentatoren.

          Vom Risiko, anderen zu helfen

          Schon seit Jahren wächst die Besorgnis wegen solcher Fälle. Erst kürzlich war in Wuhan ein alter Mann zu Boden gestürzt, und auch da kam aus der Menschenmenge um ihn herum niemand zu Hilfe. Als anderthalb Stunden später Verwandte erschienen, um den Mann ins Krankenhaus zu bringen, war er schon nicht mehr zu retten. Er hatte eigentlich nur Nasenbluten, doch er starb einen Erstickungstod - hätte ihm jemand aufgeholfen, hätte er überlebt.

          Die Frage ist jedes Mal: Wie ist ein solcher Grad an Abgestumpftheit, diese Suspendierung der einfachsten menschlichen Gefühle zu erklären? In China sprechen viele von einem Gerichtsurteil von 2006, das Hilfswillige entmutigt habe. Ein Mann hatte eine ältere Frau, die beim Verlassen des Busses gestürzt war, ins Krankenhaus gebracht, und war von dieser Frau später beschuldigt worden, er habe sie gestoßen und dadurch ihren Sturz verursacht. Die Richter gaben der Frau recht und verurteilten den Mann zu 45 000 Yuan (knapp 5000 Euro) Schadenersatz. Wer wolle unter diesen Bedingungen noch das Risiko eingehen, anderen zu helfen, fragen viele Kommentatoren im Internet. Wie in anderen Ländern diskutiert man die Einführung von „Guter-Samariter-Gesetzen“, die Hilfswilligen Rechtssicherheit geben sollen.

          Doch was der chinesischen Debatte ihr besonderes Gepräge gibt, zeigt die Begründung des Schuldspruchs von 2006. Dort hieß es nämlich, „nach Maßgabe dessen, was jemand normalerweise in einem solchen Fall tun würde“, sei es höchst verdächtig, wenn ein Hilfswilliger die betreffende Person nicht nur zum Krankenhaus begleite, sondern dort auch noch auf den Ausgang der Behandlung warte. Das offiziell als „normal“ erwartete Verhalten setzt also geradezu voraus, dass man für andere nur das Nötigste tut - wenn überhaupt. „Normal“ ist aus dieser Perspektive ein ständiger Argwohn gegen die Außenwelt, seien es Personen oder Institutionen. „Heutzutage“, so ein Internetkommentar, „ist es besser, sich möglichst wenig in etwas verwickeln zu lassen.“

          Es ist besser, wenn Angehörige den Verletzten ins Krankenhaus bringen

          Tatsächlich bekannten bei einer vor einem Monat angestellten Internetumfrage der Parteizeitung „Renmin Ribao“ 87 Prozent der Teilnehmer, sie würden einem am Boden Liegenden nicht zu Hilfe kommen. Zur gleichen Zeit veröffentlichte das Gesundheitsministerium die „technischen Richtlinien über ein Eingreifen, wenn ein alter Mensch gefallen ist“, die es zwei Jahre lang erarbeitet hatte. Das Ministerium warnte davor, zu schnell zu helfen. Als Erstes solle man den Gesundheitszustand des Betreffenden erkunden und die Situation beobachten; in jedem Fall sei es besser, wenn Angehörige die Person zum Krankenhaus begleiteten.

          Das Hohngelächter, das sich darauf im Internet erhob, interpretierte die Richtlinien auf seine Weise: „Man muss vorsichtig sein. Selbst wenn man die Polizei anruft, sollte man das auf keinen Fall mit dem eigenen Handy tun. Auf dem öffentlichen Telefon sollte man keine Fingerabdrücke hinterlassen. Es empfiehlt sich, die Stimme zu verstellen.“ Vor dreißig Jahren, meinte ein Leitartikel in dem Wirtschaftsmagazin „Caixun“, sei es nicht schwieriger gewesen, einem alten Menschen aufzuhelfen, als ihm einen Sitzplatz im Bus anzubieten: „Was hat uns in der Zwischenzeit nur unser ,liebendes Herz’ und unsere öffentliche Moral verlieren lassen?“

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