https://www.faz.net/-gqz-vdrt

Montessori-Pädagogik : Das Mysterium vom tropfenden Schwämmchen

  • Aktualisiert am

Vorsicht: Toben oder Lautsein stört die „Normalisierung” des Kindes - sagt Maria Montessori Bild: AP

Die Montessori-Pädagogik steht derzeit hoch im Kurs. Überall im Land eröffnen neue Schulen, interessierte Eltern stehen Schlange. Doch die hundert Jahre alte Reformpädagogik der italienischen Ärztin wirft Fragen auf. Von Heike Hupertz.

          Einladend renoviert liegt das mehrstöckige Haus am Ende der Straße. In den historischen Mauern befindet sich seit dem Jahr 2002 die „Rhein-Main International Montessori School“, kurz „Rims“ genannt. Vom neuen Schuljahr an wird die Friedrichsdorfer Einrichtung, die bisher aus einem Gymnasialzweig und einer Grundschule besteht, um einen Kindergarten ergänzt. Nun hat man zu einem Elternabend geladen, um interessierten Eltern den Königsweg zur Persönlichkeitsbildung ihrer meist noch windeltragenden Kleinkinder zu weisen. Der Saal ist rasch gefüllt. Diskret werden Rechnertaschen neben Stühlen plaziert. Als Workaholic will hier niemand gelten.

          So groß das Interesse ist, so umfangreich erscheint die Aufnahmeprozedur. Die Hürden der Kindergartenzulassung, so ist in den Wortmeldungen besorgter Eltern zu hören, werden als immens eingeschätzt. Man will daher schon jetzt einen günstigen Eindruck hinterlassen, auch wenn die obligatorischen Familieninterviews erst in einer Woche beginnen. Jeder Wortbeitrag aus dem Publikum wird zum Bewerbungsvortrag, denn die Kleinsten sollen möglichst schnell mit ihrer „Arbeit“ beginnen dürfen.

          Aus Kinderspiel wurde „Arbeit“, aus Erziehern „Waiter“

          Um dem einst als überflüssig betrachteten Kinderspiel mehr Dignität zu verleihen, nennt Maria Montessori das „freie“ Tun der Kinder „Arbeit“; so ist es in ihrem Erstlingswerk „Die Entdeckung des Kindes“ von 1909 nachzulesen. In allen Montessori-Kinderhäusern, ob sie nun streng nach den Prinzipien ausgerichtet sind wie in Friedrichsdorf oder liberaler wie das Montessori-Kinderhaus in Karben oder die Schule in Friedberg, sind die „vorbereitete Umgebung“, die Montessori-Materialien und ihre streng reglementierte Einführung durch die Erzieher, die sogenannten „Waiter“, bis ins Detail festgelegt.

          Maria Montessori (1870 - 1952)

          Zu den Montessori-Kinderhaus-Materialien gehören Gegenstände für die „Übungen des täglichen Lebens“ (etwa Metall putzen, Reis schütten oder Tisch decken). Zudem gibt es „Sinnesmaterial“ (Zylinder in verschiedenen Größen oder rote Stangen, die sortiert werden müssen), „Sprachmaterial“ (Sandpapierbuchstaben) und das „Mathematikmaterial“ (die „Numerischen Stangen“, die Zahlen im Wortsinn begreiflich machen sollen).

          Drei Stunden, zwei Schüsseln, ein Schwamm

          In Friedrichsdorf „arbeiten“ die Kinder morgens drei Stunden am Stück, das heißt, sie suchen sich ihr Tagesmaterial im Idealfall ohne fremde Hilfe aus und erkunden es still. Nach Montessori befinden sie sich in einer Entwicklungsperiode, in der der „absorbierende Geist“ selbsttätig Fortschritte macht und sich auf seinen Erfolg hin kontrolliert. Erreicht werden soll ein Zustand konzentrierter Versunkenheit, den Montessori „Polarisation der Aufmerksamkeit“ nennt.

          Das Kinderhaus in Friedrichsdorf setzt die Übungen prinzipientreu um. Für eine der „Übungen des praktischen Lebens“ etwa zeigt der Erzieher dem Kind ein Tablett mit zwei Schüsseln und einem Handtuch. In der rechten Schüssel ist ein leicht feuchter Naturschwamm. Auf dem Boden steht ein Eimer. Der Erzieher hebt das Tablett an, wobei er es, wie vorgeschrieben, an der kurzen Seite hält. Dann stellt er es wieder ab und lädt das Kind ein, das Tablett zum Tisch zu tragen. Dafür zeigt der Erzieher ihm, wie man den Eimer am Henkel trägt. Mit dem Kind und der rechten Schüssel geht der Erzieher nun zum Waschbecken, füllt Wasser ein, stellt sie wieder auf das Tablett und erklärt die Begriffe Schüssel, Schwamm und Eimer. Dann nimmt der Erzieher den Schwamm mit beiden Händen, taucht ihn in die rechte Schüssel und wartet, bis er Wasser aufgesogen hat. Er lässt ihn abtropfen und drückt ihn über der linken Schüssel aus.

          Darüber kann man trefflich streiten

          Das Kind wiederholt die Übung, bis alles Wasser aus der rechten Schüssel verbraucht ist. Nun werden die Schüsseln auf den Tisch gestellt. Mit dem Schwamm werden die Wassertropfen auf dem Tablett aufgenommen, der Schwamm wird über der linken Schüssel ausgedrückt. Schließlich wird das Wasser aus der linken Schüssel in den Eimer geschüttet. Der Erzieher trocknet sich mit dem Handtuch die Hände ab. Das Tablett wird im ursprünglichen Zustand angeordnet und ins Regal gestellt, der Eimer im Waschbecken ausgeleert und ebenfalls zurückgebracht. Ist das Handtuch trocken, wird es aufs Tablett zurückgelegt. Ist es zu feucht, legt es der Er zieher in den Wäschekorb. Der Erzieher erklärt dem Kind, dass es diese Übung von jetzt an ausführen kann, sooft und solange es möchte.

          Das Kind hat, wie es heißt, einen natürlichen Drang zur Arbeit. Lob und Tadel fremder Personen sind unerwünscht, denn sie stören die Herausbildung des Selbstwertgefühls. Maria Montessori war, wie unschwer zu erkennen, in erkenntnistheoretischer Beziehung eine Anhängerin des Empirismus im Geist John Lockes. Dessen Hauptsatz „Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war“ begreifen sie und ihre Nachfolger ganz unkantianisch als Dreh- und Angelpunkt ihres Bildungsideals. Anders gesagt: Nur, was das Kind sinnlich erfährt, kann es verstehen; worüber man trefflich streiten kann.

          „Montessori-Arbeit“ gegen „Abseitigkeiten“

          Eine der Stärken der Montessori-Pädagogik und ein Grund ihrer Attraktivität für Eltern liegt gewiss in ihrem ganzheitlichen Ansatz und ihrer Vorstellung von Selbstbestimmung. Das Kind als Person ist kein Gefäß, dem Erzieher, Eltern und Umwelt frühzeitig alles Mögliche einzutrichtern haben, es bildet sich im Wesentlichen selbst. Verläuft der Prozess störungsfrei, handelt es sich laut Montessori um die „Normalisierung“ des Kindes („Normalisation“ in der englischen Offizialsprache der Ami, der Association Montessori Internationale in Amerstam - exemplarisch sichtbar an der „Liebe zur Stille und zum Alleinarbeiten“). Wird er gestört, entwickelt es positive oder negative „Abseitigkeiten“ („Deviations“), die nur oder nur besonders nachhaltig - da differieren orthodoxe und liberale Richtungen - durch möglichst früh einsetzende „Montessori-Arbeit“ zu beheben sind.

          Kritik und Begriffsarbeit an der offiziellen Montessori-Sprachregelung interessiert an diesem Elternabend in Friedrichsdorf jedoch keinen der Anwesenden, obgleich die zumindest erklärungsbedürftigen Termini mehrfach erwähnt werden. Auch das Flugblatt mit der Einladung zum Ostermarkt, das überall im Städtchen verteilt wurde und das ankündigt: „Sie erwartet Blumendekorationen selbst herstellten“ und: „Die Schüler möchte von dem Erlös ihre Klassenfahrt finanzieren“, bleibt in der Tasche. Womöglich könnte es als engstirnig angesehen werden, vor dem Zweitspracherwerb den richtigen Gebrauch der Erstsprache wichtig zu finden.

          Eltern wollen Eindruck schinden

          Und da jeder nur eine Möglichkeit hat, den ersten Eindruck zu hinterlassen, sprechen viele Eltern den Pädagogischen Leiter der Schule, den Australier Scott Cromwell, auf Englisch an. Vielleicht bringt das bei der Zulassung die entscheidenden Punkte. Für sich selbst wissen die Eltern, obschon die meisten von ihnen streng nach Montessori unter genannten „Abseitigkeiten“ leiden dürften, eben genau, wie man mit engen Zeitfenstern umgeht.

          Die kurze erfolgreiche Geschichte der „Rhein-Main International Montessori School“ ist beispielhaft für den Aufstieg privater Schulen in Deutschland. Erst im Jahr 2004 mit sechsunddreißig Schülern im ganztägigen Gymnasialbetrieb als staatlich anerkannte Ersatzschule gestartet, aßen die Schüler anfangs mittags im indischen Restaurant „Jaipur“, das als „Weißer Turm“ einst Feinschmeckerherzen höherschlagen ließ. Seit zwei Jahren beherbergt die Rims nun zwei Grundschul- und vier Gymnasialklassen, die zweisprachig und nach den Grundsätzen der Association Montessori Internationale unterrichtet werden. Scott Cromwell widmet sich neben der montessoripädagogischen Aufbauarbeit nun vor allem der Elternbildung.

          Teures Vergnügen - pädagogisches Allgemeingut

          Die Erwachsenenprogramme heißen „Parent Education“ und „Journey & Discovery“. Sie sind wohl nötig. Denn in ihrer kurzen Lebensdauer ist die Rims nicht nur überregional, sondern international bekannt geworden. Aber nicht alle wüssten genug über die Lehre Maria Montessoris, sagt Uta Dressel, die das Kinderhaus im Vorstand vertritt, selbst Mutter zweier Kinder ist und sich zu den „Montessori-Überzeugungstätern“ zählt, seit ihr Sohn nach dem Wechsel von einem städtischen Kindergarten zu Montessori „aufblühte“.

          In ihrem Selbstverständnis versteht sich die Pädagogik in der Nachfolge der italienischen Ärztin, Naturwissenschaftlerin und Psychiaterin Maria Montessori, die 1907 ihre erste „Casa dei Bambini“ im römischen Arbeiterviertel San Lorenzo gründete, nicht als elitär, sondern egalitär. Zurzeit aber dürfte der Bannerspruch „Montessori für alle“ vor allem frommer Wunsch bleiben; rund sechzig Prozent aller Montessori-Schulen werden wie in Friedrichsdorf privat geführt. Für Kinderhaus oder Schule anmelden kann sich hier nur, wer als Fördermitglied dem Verein beitritt und dafür zweitausend Euro aufbringt. Die unverbindliche Anmeldung kostet hundert Euro. Weitere tausend Euro müssen dem Verein als zinsloses Darlehen zur Verfügung gestellt werden. Die monatliche Gebühr beträgt dann 490 Euro plus Essensgeld.

          Elemente der Montessori-Pädagogik mit ihrem Kernsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ sind heute in fast jedem Kindergarten Allgemeingut. Dass Kinder sich eher für Buchstaben interessieren, wenn sie diese aus buntem Papier selbst ausschneiden, leuchtet ein. Und wie stolz ein Kind ist, das seinen Essplatz selbst gedeckt hat, gehört heute, dank Maria Montessori, zum Weltwissen von Eltern. Dass aber deswegen Toben, Ringen oder Lautsein die „Normalisierung“ des Kindes verhindern, mag man bezweifeln. Das spezifische Menschenbild der Reformpädagogin und ihr eigenwilliger Bildungsbegriff wird bislang - anders als etwa die Waldorfpädagogik und einige Schriften Rudolf Steiners - allein in akademischen Zirkeln diskutiert.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Was sich 2019 alles ändert

          Neue Gesetze : Was sich 2019 alles ändert

          Eine Reihe von Neuregelungen können zum 1. Januar 2019 kommen – in der letzten Sitzung des Jahres gab der Bundesrat dafür grünes Licht. Eine Verfassungsänderung bremst die Länder aber erst einmal aus.

          Topmeldungen

          Bei gewaltsamen Protesten gegen ein neues Arbeitsgesetz wurden mehr asl 50 Menschen festgenommen.

          Ungarn : Gewaltsame Proteste gegen Orbans neues Arbeitsgesetz

          Mehrere tausend Demonstranten protestierten dagegen, dass Arbeitgeber künftig bis zu 400 Überstunden im Jahr verlangen können. Die Opposition spricht von einem „Recht auf Sklaverei“. Mindestens 14 Menschen wurden verletzt, mehr als 50 festgenommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.