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Phänomen am Himmel : Wenn der Blutmond kommt

Heute Abend werden wir ein ähnliches Schauspiel erleben: eine totale Mondfinsternis, hier im Januar dieses Jahres in Japan. Bild: dpa

Die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts: Wer heute Abend in die Dunkelheit blickt, erfährt mehr über unsere Welt, als er erwartet. Man sollte sich einen guten Aussichtspunkt sichern.

          Der kompromisslose Physikalist macht es sich leicht, wenn er nachts zum Himmel schaut: Er sieht dann einen mehr oder weniger vollständig beleuchteten, sphärischen Gesteinsbrocken mit einem Durchmesser von knapp 3500 Kilometern, der uns in einer Entfernung von rund sechzig Erdradien am Himmel etwa so groß erscheint wie unsere Sonne. Alle anderen aber mögen von der möglichen Vieldeutigkeit des Erdmondes fast überwältigt werden, spätestens sobald sie ihren Blick durch die menschliche Kulturgeschichte wandern lassen, die illustriert, wie der Erdtrabant die Menschen zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz als ein jeweils anderer begleitete.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sei es in frühen Religionen in seiner Rolle als Partner oder Gegenspieler der Sonne, sei es angeregt durch den weiblichen Menstruationszyklus, als Fruchtbarkeitssymbol – eine Rolle, die bereits steinzeitliche Funde illustrieren – oder in seinem ständigen Gestaltenwandel als Symbol der Veränderung. Jede Kultur und jede Zeit scheint den Mond anders gesehen und gedeutet zu haben. Der Mond besitzt demnach, so wie auch die Sonne, unzählbar viele Gestalten, da beide „je schon aus einer ,Welt‘ zur Erscheinung kommen und nur sind, was sie sind, insofern sie aus dieser Welt gedichtet werden“, wie Heidegger es einmal fasste.

          Dass der Mond für den Menschen schon immer eine besondere Rolle gespielt hat, ist freilich nicht überraschend. Ist er doch der einzige Himmelskörper, dessen Details man mit bloßem Auge erkennen kann. Er erscheint dadurch nah und fern zugleich und wirft nicht nur die Frage nach seiner Natur auf, sondern lädt auch zu Spekulationen darüber ein, wie es in solch einer fremden Welt wohl zugehen mag. Er vereint Wandel und Vertrautheit, indem er sich jede Nacht zwar anders zeigt, uns aber dennoch stets das gleiche Antlitz zuwendet. Und nicht zuletzt machte er es möglich, einen Überblick über den Verlauf der Zeit zu behalten, indem seine Mondphasen die Zählung von „Monaten“ ermöglichen.

          Für die griechischen Denker war der Mond wichtiger Bestandteil ihrer Kosmologien. Der Vorsokratiker Anaxagoras war im fünften Jahrhundert vor Christus der Erste, der ihn für das Auftreten von Sonnenfinsternissen verantwortlich machte. Er war auch einer der wenigen, die den Mond als erdähnlich ansahen. Ganz anderer Auffassung war im darauffolgenden Jahrhundert Aristoteles, in dessen Naturphilosophie der Mond die Grenze zwischen zwei fundamental unterschiedlichen Welten markierte: der sublunaren zwischen Erde und Mond, in der Luft, Feuer, Erde und Wasser ständigen Veränderungsprozessen unterworfen sind, und der supralunaren, wo in den Bewegungen von Sonne, Mond, Planeten und Sternen Konstanz und Regelmäßigkeit ihren Ausdruck finden. Diese Sicht der Andersartigkeit des als idealer Himmelskörper vorgestellten Mondes dominierte das antike Denken und wirkte in der Lehre der katholischen Kirche noch weit darüber hinaus.

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