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Phänomen am Himmel : Wenn der Blutmond kommt

Die Analyse von Mondgestein lieferte schließlich unerwartete Befunde zur chemischen Zusammensetzung von Erde und Mond: Beide gleichen sich in überraschendem Maße hinsichtlich der Isotopenverhältnisse, insbesondere von Sauerstoff. 1984 stellten Astronomen bei einer Konferenz auf Hawaii zweierlei fest: Erstens, dass keine der drei existierenden Theorien überzeugte, zweitens, dass die Annahme einer gigantischen Kollision zwischen der jungen Erde und einem anderen Himmelskörper stattdessen einen vielversprechenden Erklärungsansatz bieten könnte. Simulationen bestätigten: Wenn die Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren mit einem etwa Mars-großen Protoplaneten, genannt „Theia“, zusammengestoßen ist, könnte sich dabei der Erdmond gebildet haben. Diese Hypothese eines „Giant Impact“ hält sich bis heute als gängige Theorie. Allerdings wird die Erdähnlichkeit des vom Mond auf die Erde geschafften Mondgesteins in diesem Modell nach wie vor nicht zufriedenstellend erklärt. Denn als Folge der Kollision wäre der Mond zum größten Teil aus Material von Theia geformt worden, das keine besondere Ähnlichkeit mit dem Material der Erde haben sollte.

Diese Frage und der Bedarf an zusätzlichen Messungen und Proben mag als Motivation für weitere Mondmissionen dienen. Seit bald 50 Jahren ist nun der Mond der einzige Himmelskörper jenseits der Erde, auf den der Mensch jemals seinen Fuß setzte. Die Apollo-Missionen zwischen 1969 und 1972 änderten unser Verhältnis zu unserem Nachbarn ein weiteres Mal fundamental – wie auch das Verhältnis zu unserer Erde. Der Blick zurück auf den Blauen Planeten mit seiner verletzlich wirkenden Atmosphäre wurde Symbol für Umwelt- und Friedensbewegungen.

Der Mond, auf der anderen Seite, wurde zu einem weiteren Zeugnis des menschlichen Expansionsstrebens, der menschlichen Natur der Selbsterprobung im Annehmen schier unbezwingbar scheinender Herausforderungen. Der Weltraum ist zum menschlichen Aktionsraum geworden, der vertraglich zu schützen ist, weil er nach der Erde als Nächstes von menschlichem Raubbau bedroht sein könnte. Als Ziel bemannter Raumfahrt hat der Mond zwar vorerst seinen Reiz eingebüßt, als potentieller Standort für eine permanente Siedlung im All scheint seine Ruhe vor menschlichem Besuch dennoch nur temporär zu sein.

Heute Abend können wir Zeugen eines spektakulären Mondschauspiels werden, das uns Menschen seit jeher in seinen Bann gezogen hat: Um 20.24 Uhr wird er in den Kernschatten der Erde eintreten, wo er sich zwischen 21.30 Uhr und 23.13 Uhr in totaler Verfinsterung befindet, bevor er den Kernschatten um 0.19 Uhr wieder verlässt. Mit einer Dauer von 103 Minuten ist diese Mondfinsternis die längste des Jahrhunderts. In den Kernschatten hineingebrochenes Sonnenlicht wird den Mond dabei rostrot färben. In Mitteleuropa kann das Himmelsereignis bei gutem Wetter überall beobachtet werden, einzig die lange sommerliche Dämmerung und die relativ geringe Horizonthöhe des Mondes schränken die Sichtbarkeit im Norden und Westen ein. Eine bessere Gelegenheit, sich der Faszination unseres Himmelsbegleiters hinzugeben, wird es so schnell nicht geben.

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