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Phänomen am Himmel : Wenn der Blutmond kommt

Der griechische Schriftsteller Plutarch vermutete allerdings wie bereits Anaxagoras, dass der Mond der Erde ähnlich sei. In seiner Schrift „De Facie in Orbe Lunae“ ging er in Dialogform der Natur und dem Zweck des Mondes nach und inspirierte damit rund 1500 Jahre später den Astronomen und Astrologen Johannes Kepler zu seinem 1609 geschriebenen Stück „Der Traum oder: Mond-Astronomie“. Darin führt Kepler aus, wie sich die Erde vom Mond aus zeigen würde – nämlich ganz ähnlich wie der Mond – und spekuliert weiter über Reisen zum Mond und die Natur möglicher Mondbewohner. „Mit Recht bezeichnet Plutarch den Mond als einen der Erde gleichen Körper, uneben und gebirgig, und zwar mit verhältnismäßig größeren Bergen“, so Kepler in seinen umfangreichen Anmerkungen zum „Traum“. Mit Bezug auf die Anpassung von Menschen und Tieren an ihre irdische Umgebung fügt er hinzu: „ebenso werden auf dem Monde die lebenden Wesen an Masse der Körper und an Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse bei weitem größer sein als bei uns.“

Kepler schrieb diese wissenschaftlich inspirierte literarische Spielerei zu einer Zeit, als die erste mit einer rudimentären Nomenklatur versehene Kartierung des Mondes nicht einmal zehn Jahre alt war. Der Hofarzt der Königin Elisabeth I., William Gilbert, hatte diese nach Beobachtungen mit bloßem Auge angefertigt. Die Entwicklung des Teleskops 1608 machte das Erstellen von Mondkarten wachsender Genauigkeit in den folgenden Jahrzehnten zu einem Wettbewerb unter Astronomen.

Verletzliche Heimat: Die Reise zum Mond erlaubte den Blick zurück auf die Erde.

Der Mond wurde so einerseits in merkwürdiger Analogie zur kartographierten Erde beobachtend erschlossen und damit als Unbekannter immer weiter entzaubert. Davon gänzlich unbeeinflusst blieb andererseits seine literarische Wirkung, in der Romantik als Symbol der Sehnsucht und der Liebe fast überstrapaziert, im Expressionismus mit Krankheit, Tod und Wahnsinn assoziiert, in Erzählungen von Mondreisen als utopisch bis dystopisches Gegenstück zur Erde. Die Vorstellung, dass der Mond mit unserem irdischen Wirken eng verquickt ist, hält sich bekanntlich bis heute in vielfachen Varianten von Mondaberglauben.

Wie wichtig der Mond indes aus anderen Gründen für unser Leben ist, kann unsere Wissenschaft heute eindrucksvoll belegen: Er stabilisiert die Neigung der Erdachse gegenüber der Ekliptik und damit den regulären Wechsel unserer Jahreszeiten. Unsere Erde rotierte ohne ihn erheblich schneller, die Tage wären sehr viel kürzer. Und die vom Mond hervorgerufenen Gezeiten könnten eine wichtige Rolle dafür gespielt haben, dass das Leben sich vom Wasser aufs Land ausbreitete.

Es mag allerdings erstaunen, dass die Entstehung des Erdbegleiters als fünftgrößter Mond des Sonnensystems noch immer debattiert wird. Pierre-Simon Laplace ging im späten 18. Jahrhundert davon aus, dass sich Erde und Mond zusammen aus einer Gas- und Staubwolke bildeten, die sich zu den Himmelskörpern zusammenballte. Der Sohn Charles Darwins, der Geologe George Darwin, vermutete dagegen 1878, dass die Erde sich einst so schnell um ihre Achse gedreht haben könnte, dass schließlich ein Teil aus ihr herausgebrochen sei – und daraufhin zum Mond wurde. Die schnelle Erdrotation erwies sich allerdings als eine wenig plausible Annahme. Ersetzt wurde die Abspaltungstheorie durch die Idee, die Erde habe den Mond im Vorbeiflug eingefangen.

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