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Mommsen über Grass : Haltet die Verdränger!

Hans Mommsen verteidigt Grass Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Grass hat gestanden, die Hauptschuldige leugnet noch: Die „scheinheilige Kritik“ an Grass belegt für den Historiker Hans Mommsen „mangelnde Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen“.

          Der Historiker Hans Mommsen, Jahrgang 1930, kann eindrucksvoll sprechen über die letzten Wochen des Hitlerreiches. Der Verdacht, der Mommsens gesamtes Werk bestimmt, daß das Wesen des Geschehens der zwölf Jahre mit den Kategorien der politischen Geschichte nicht zu fassen ist, hat seine stärkste Evidenz in der Anomie der letzten Kriegstage, der Auflösung auch der alltäglichsten moralischen Ordnung. In der „Frankfurter Rundschau“ hat der Bochumer Emeritus nun für Günter Grass „das Recht des einzelnen auf eine private Bewältigung des umfassenden Wertezerfalls“ reklamiert, „der mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Eine „sensationslüsterne Öffentlichkeit“ verkenne, daß dieser Zerfall „bei denen, die sich seiner bewußt werden, Sprachlosigkeit, ja Verdrängung auslöst“. Die in der Öffentlichkeit geäußerte Kritik am späten Bekenntnis des Schriftstellers knüpft allerdings daran an, daß Grass die Bewältigung der moralischen Katastrophe sein Leben lang öffentlich betrieben hat und im privatisierenden Beschweigen der Schuld die Wurzel aller Nachkriegsübel erkennen wollte. Mommsen nennt die Vorhaltung „absurd“, daß Grass sich spätestens zum Zeitpunkt der Bitburg-Affäre hätte offenbaren sollen: „Das öffentliche Geheul wäre um keinen Grad geringer gewesen.“

          Ins Horn der Empörung gestoßen

          Doch wie will, wer freiwillig oder gezwungen mit den Wölfen geheult hat, sich auf Lärmempfindlichkeit herausreden? Das öffentliche Geheul wäre auf einen Schlag verstummt, hätte Grass 1985 von sich gesprochen. Die Achtzehnjährigen, die in Bitburg bestattet sind, hätten nicht mehr als Kriegsverbrecher beschimpft werden können, und es wäre der Öffentlichkeit ins Bewußtsein getreten, was Mommsen nun für Grass ins Feld führt: daß aus der bloßen Tatsache der Zugehörigkeit zur Waffen-SS nichts folgt. Statt dessen hat Grass bekanntlich, wovon Mommsen schweigt, auf dem Höhepunkt der sogenannten Debatte ins Horn der Empörung gestoßen. War die Umkehr der Unschuldsvermutung, der Wahnwitz, sozusagen von den Kindersoldaten von Bitburg den Beweis zu verlangen, daß ihre Gräber den Friedhof nicht kontaminierten, keine Folge des Wertezerfalls von 1945?

          Hans Mommsen und sein verstorbener Zwillingsbruder Wolfgang haben die Willkür einer unter Vorschiebung formaler Zugehörigkeiten richtenden Mitwelt aus nächster Nähe erlebt: Ihr Vater, der Marburger Geschichtsprofessor Wilhelm Mommsen, verlor seinen Lehrstuhl, obwohl Kollegen, sachlich gesehen, zweifellos stärker belastet waren. Die „scheinheilige Kritik“ an Grass belegt für Hans Mommsen „mangelnde Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen, und ihr Bestreben, sie auf die NS-Täter im engeren Sinne zu projizieren“. Grass hat gestanden, die Hauptschuldige leugnet noch. Daß die ganze Öffentlichkeit von der Schuldfrage ergriffen ist und jedermann im Sinne der Grassschen Lebensdevise den Mund aufmacht, soll Indiz der Verdrängung sein. So führt Wilhelm Mommsens Sohn die nationalliberale Lehre von der Nation als moralischer Person ad absurdum.

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