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Indigene Weltspiele : Wir sterben, und Dilma feiert Party

Fußball nur dem Kopf? Ein 10:1 gegen Gastgeber Brasilien? Die „Ersten Weltspiele der indigenen Völker“ sind eine bunte, aber politisch verlogene Mogelpackung.

          6 Min.

          Es ist ein wunderschöner Anblick, fremd, ungewohnt, poetisch: Vierzig Menschen mit Kopfschmuck und bemalten Körpern ziehen singend, mit wiegendem Gang, durch die Arena. Ein paar Minuten später ein Wettkampf: Zwei Männergruppen rennen über den Sand, ein Einzelner trägt jeweils einen Baumstumpf, die anderen unterstützen ihn und übernehmen, wenn er müde ist. Der Stamm der Canela Ramkokamekra ist Experte im Baumstammtragen. Die Spiele in der Arena können nur eine blasse Andeutung von dieser Ertüchtigungssportart bieten, denn in Wirklichkeit dauert sie Stunden, in denen einzelne Männer den rund zwanzig Kilo schweren Baumstumpf abwechselnd auf die Schultern nehmen und fünfzig Kilometer durch den Urwald schleppen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          „Erste Weltspiele der indigenen Völker“ heißt die pittoreske Veranstaltung, ein Mittelding aus Schaulaufen und Wettkampf, und nicht nur die brasilianischen Zuschauer in der am Reißbrett entstandenen Stadt Palmas, auch die Touristen und Sportreporter fotografieren, was das Zeug hält, denn so bunt bekommt man es selten. Die Indianer fotografieren sich natürlich auch, denn ein Mobiltelefon ist selbst in zivilisationsfernen Gegenden des riesigen Landes längst Standard. Dadurch ergibt sich die lustige Situation, dass die modernen Fotografierenden die indigenen Fotografierenden fotografieren, doch da Letztere hinreichende Zeichen von Ursprünglichkeit tragen – Federschmuck auf den Köpfen, gepiercte Nasen oder Ohrläppchen –, hat wieder alles seine Ordnung.

          Die Spiele der Bilder

          Zwei Drohnen schweben mit beunruhigender Agilität durch die Arena; gewiss haben ihre Bilder HD-Qualität. Wenn sie uns aus ein paar Metern Entfernung in die Augen schauen, während ihr grünes Licht eifrig blinkt, stellt sich das Gefühl ein, überwacht zu werden. Schon jetzt ist klar, woher das Material der Werbespots für Brasiliens Olympische Spiele 2016 stammen wird. Und dann begreifen wir: Dies sind die Spiele der Bilder. Nur sie können konfliktfrei vermittelt werden. Bei einem der indigenen Völker – einem einzigen – gehen die jungen Frauen oben ohne. So treten sie auch zum Wettlauf an. Die ausländischen Fotografen halten munter drauf, denn hier und heute dreht es sich offiziell nicht um Erotik, sondern um die Naturbelassenheit der edlen Wilden.

          Bilderstrecke
          Indigene Völker : Olympische Spiele mit Pfeil und Bogen

          Auch Tauziehen ist im Angebot, zehn gegen zehn, der Teamsport schlechthin. Dazu Ringen, Sandhockey, Bogenschießen, Kanufahren. Dann Hundertmeterlauf der Frauen und, jeweils am frühen Morgen, Fußball für beide Geschlechter. Es gibt ein 2:1 der Herren zu sehen, aber auch ein 10:0 peruanischer Frauen gegen Brasilianerinnen – immerhin kein 7:1, das hätte böse Erinnerungen geweckt. Daneben werden indigene Ballsportarten vorgeführt, etwa „Sikulahatchi“ des Stamms Paresi aus dem Mato Grosso, bei dem der Fußball ausschließlich mit dem Kopf gespielt werden darf und die Akteure artistische Hechtsprünge dicht über dem Boden hinlegen.

          Der volltönende Begriff „Erste Weltspiele der indigenen Völker“ ist allerdings problematisch. Da es allein in Neuguinea an die tausend indigene Völker gibt, von denen kein einziges zwischen dem 23. und 30.Oktober in Palmas an den Start ging, und Afrika so gut wie gar nicht vertreten war, muss man bei diesen „Weltspielen“ von einer winzigen, ziemlich willkürlichen Auswahl sprechen. Keine Inuit, keine Tschuktschen oder Itelmenen, keine Ewenen oder Ewenken. Andererseits traten im zentralbrasilianischen Palmas im Bundesstaat Tocantins, bei 38 Grad und schweißtreibender Luftfeuchtigkeit, ein paar sehr hellhäutige Vertreter der Samen aus Finnland auf, ferner Apatschen, Navajo und Crow aus Nordamerika sowie die Rajpoot aus Pakistan und vier Bogenschützen – zwei Frauen, zwei Männer – aus der Mongolei. Vertreten waren insgesamt 24 Länder. Gastgeber Brasilien schickte gleich 24 indigene Gruppen an den Start – was auch nur einen bescheidenen Ausschnitt der 305 brasilianischen indigenen Völker bedeutet. Manche zählen viele tausend Mitglieder wie die Guaraní, die auch in Bolivien, Paraguay und Peru zu Hause sind, andere nur dreihundert.

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