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Modefotografie : Retuschiert wird immer in beide Richtungen

Aktuelle Mode aus Paris - nichts für „Brigitte” Bild: AP

Die „Brigitte“ nutzt in Zukunft für ihre Fotos nicht mehr Models, sondern ganz normale Frauen. Die Mode-Nachricht der Woche, die auf Zustimmung im großen Publikum hoffen darf, ruft bei den Fachleuten in Paris Ärger hervor.

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          Die „Brigitte“ nutzt in Zukunft für ihre Fotos nicht mehr Models, sondern ganz normale Frauen. Die Mode-Nachricht der Woche, die auf Zustimmung im großen Publikum hoffen darf und auf der Pressekonferenz am vergangenen Montag sogar Applaus von Journalisten bekam, ruft bei den Fachleuten in Paris andere Reaktionen hervor. Die Damen und (wenigen) Herren der wirklich wichtigen Modemagazine wie „Elle“, „Madame“, „Glamour“, „Instyle“ oder „Vogue“, die bis zum Donnerstag auf den Prêt-à-porter-Schauen die Mode für Frühjahr und Sommer 2010 begutachten, reagieren mit verzweifelter Heiterkeit auf den Hamburger Vorstoß.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          „Selbst wenn man normale Frauen für die Modestrecken in den Heften nutzen wollte – es ginge einfach nicht“, sagt eine erfahrene Münchner Redakteurin. Denn wer in den kommenden Wochen bei den tonangebenden Pariser Marken wie Balmain, Balenciaga oder Lanvin anruft, um Teile der Laufsteg-Kollektionen für Fotoproduktionen zu bestellen, bekommt Designerstücke zugeschickt, in die Frauen mit normalen Konfektionsgrößen wie 38 oder 40 niemals hineinpassen. Eine andere Redakteurin, die in den kommenden Monaten in Studios in New York und am Strand in Florida die Bilder für die Frühjahrsausgaben inszeniert, bestätigt: „Für diese Mode muss man Models nehmen.“

          „Brigitte“ gilt nicht als Modemagazin

          Die „Brigitte“ wiederum hat damit keine Probleme. Die noch nicht in Serie gegangenen teuren Designerstücke, die den Modemagazinen leihweise überlassen werden, bekommt die Zeitschrift erst gar nicht zugeschickt. Um die Stücke, die direkt vom Laufsteg per Kurier zu den Shootings um die Welt geschickt werden, bewerben sich neben den traditionellen Modetiteln nämlich inzwischen auch zahlreiche neuere Trend-Magazine von A wie „Achtung“ bis Z wie „Zoo“. Die „Brigitte“ hingegen wird in Paris als Frauenzeitschrift und nicht als Modemagazin wahrgenommen. Untrügliches Zeichen dafür: Die Mitarbeiterinnen sitzen in den Schauen nicht in der ersten Reihe oder werden erst gar nicht eingeladen – und das „Seating“ ist noch immer die härteste Währung der Modehäuser. Am Montag fanden in Paris von Stella McCartney über Céline bis Yves Saint Laurent einige der wichtigsten Schauen der Saison statt, während die „Brigitte“-Chefredakteure Andreas Lebert und Brigitte Huber in Hamburg, fernab der Mode, ihr „neues Zeitalter“ verkündeten. Und schließlich hat die „Brigitte“ auch nicht viele der so begehrten Anzeigen wirklich wichtiger Modehäuser.

          Die Zeitschrift mit dem populären Ansatz muss, was die Mode angeht, eher auf mittelmodische deutsche Marken wie Orwell oder Luisa Cerano bauen. Und bei denen wiederum ist eine Größe 38 wirklich noch eine Größe 38. Die deutsche Konfektion fällt nicht um jenes Quentchen schmaler aus, das die Designermode aus Paris und Mailand so brutal schmal und gleichzeitig so begehrenswert erscheinen lässt. Bei Modeproduktionen kann die Zeitschrift des Verlags Gruner + Jahr also viel leichter auf Models verzichten als die Konkurrenz von Condé Nast oder Burda.

          Denn die müssen auf ihren Fotos nicht nur die Kleider der Anzeigenkunden berücksichtigen – die genau nachrechnen, ob die Erwähnungen im redaktionellen Teil auch den Umfängen der geschalteten Anzeigen entsprechen. Die wirklichen Modemagazine dürfen zugleich – schon aus markenstrategischen Gründen – nicht ihren modischen Anspruch verlieren. Und der sieht eben eher Dolce & Gabbana als Gerry Weber vor.

          „Ich will auch träumen dürfen“

          Annette Weber, Chefredakteurin der „Instyle“, sieht es aber auch grundsätzlich: „Ich möchte Mode nicht an Dicken sehen. Ich will auch träumen dürfen – Realität habe ich zu Hause genug.“ Und Christiane Arp, Chefredakteurin der „Vogue“, ergänzt: „Wir wollen durch Mode inspiriert werden, und dazu brauchen wir Models. Das eine sind Anziehsachen, das andere sind die Illusionen der großen Mode.“ Nur Patricia Riekel, Chefin der „Bunten“, die auch kein Modemagazin ist, findet „Brigitte“ „mutig und tapfer“.

          Viele Redakteurinnen mutmaßen nun, dass die „Brigitte“ die Fotos der normalen Frauen wird bearbeiten müssen. Bei den Modemagazinen aus München ist das auch üblich – aber nicht in der Art, wie sich das so mancher Leser vorstellen mag. Statt die Models per Bildbearbeitungsprogramm schmaler zu machen, gestaltet man die allzu hervorstechenden Eigenschaften magerer Models – wie eckige Schultern oder Ellbogen – mit Photoshop etwas fülliger. „Man will es nicht so extrem erscheinen lassen“, sagt eine Redakteurin. Es wird also in beide Richtungen retuschiert. Und so gern die „Brigitte“ ein Vorreiter in modischen Fragen wäre – an solchen Praktiken wird sie bestimmt nichts ändern.

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