https://www.faz.net/-gqz-77xx7

Mobilität und Wohnen : Heimatlos in den eigenen vier Wänden

Multifunktionales Wohnen: das Yokohama-Apartment in der Nähe von Tokio Bild: Koichi Torimura

Du sollst nicht bleiben! So lautet das erste Gebot unserer auf Mobilität fixierten Gesellschaft. Jetzt erreicht es unsere Wohnzimmer. Der Trend geht vom Zuhause zum flexiblen Zwischenlager.

          5 Min.

          Unlängst erschien die aktuelle Studie des Kelkheimer Zukunftsinstituts, die sich mit zentralen Wohntrends bis 2025 beschäftigt. Es ist, wie für solche Studien üblich, eine Hochglanzpublikation, die neben einigen Texten viele bunte Grafiken und Fotos versammelt. Was hier beschrieben wird, klingt wie ein Versprechen. Von „Collaborative Living“ (Teilen statt besitzen) ist die Rede, von „Conceptual Living“ (“Möbel als flexibles Element bekommen gerade in multigrafischen Lebensgestaltungen eine vollkommen neue Relevanz“) oder „Third Place Living“ (man setzt sich mit seinem Notebook immer häufiger ins Café und arbeitet dort).

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Räume mutieren zu „floating rooms“, Metamorphose als Dauerzustand. Dazu passt der Entwurf jener Küche, von der einmal eine Architektin erzählte: Herd und Kühlschrank waren mit langen Kabeln und Rollen versehen und ließen sich problemlos umherschieben. Nichts hatte mehr einen festen Platz. Man kann sich allerdings Angenehmeres vorstellen, als morgens verschlafen in die Küche zu tappen und den Kühlschrank suchen zu müssen, weil man nicht mehr weiß, wohin man ihn geschoben hat.

          Flexibilität vor Heimeligkeit

          Dieser Flüchtigkeitszustand hätte der von Robert De Niro gespielten Gangsterfigur in dem Film „Heat“ sicherlich gefallen. In einer Szene stehen De Niro und Val Kilmer in einer ziemlich leeren Wohnung, während hinter der Glasfront des Wohnzimmers das Meer heranrollt. Ob er seine Wohnung nicht endlich einmal einrichten wolle, fragt Kilmer De Niro, doch De Niro hat weder Zeit dafür noch Lust auf solche Nebensächlichkeiten. Sein Lebensmotto lautet: „Du darfst dich niemals an etwas hängen, das du nicht innerhalb von dreißig Sekunden problemlos wieder vergessen kannst, wenn du merkst, dass dir der Boden zu heiß wird.“

          Blick ins „Case Study #1“, ein flexibles Fertighaus auf der Internationalen Bauausstellung in Hamburg
          Blick ins „Case Study #1“, ein flexibles Fertighaus auf der Internationalen Bauausstellung in Hamburg : Bild: dpa

          „Heat“ stammt aus dem Jahr 1995, einer Zeit, als Mobiltelefone größer als Miniterrier waren und bei dem Satz „My home is my castle“ kein Mensch irritiert die Augenbrauen hob, im Gegenteil.

          De Niros Bemerkung mutet heute geradezu visionär an: Sie misst dem Flexibilitätsgedanken ein größeres Gewicht bei als dem Heimeligkeitsgedanken. Im Vordergrund steht nicht das Bleiben, sondern das Verschwinden - auch wenn es hierbei in erster Linie um die Erfordernisse des Verbrecherdaseins ging.

          Durchdesignte, nutzerfreundliche, raumoptimierte Wohnungen

          In der Fachsprache wird zwischen Hardware und Flexware unterschieden. In die Kategorie Hardware fällt im Grunde nur noch das nackte Gemäuer. Kent Larson, Leiter der „Changing Places Group“ des MIT, hat die Flexwarespielerei auf die Spitze getrieben. In einem Vortrag mit dem Titel „Brilliant designs to fit more people in every city“ - also wie man am besten immer mehr Menschen in Städte verfrachtet (ohne dass sie gleich so zusammengepresst wie in Hongkong leben müssen) - hat er seine Ansichten sehr anschaulich erläutert. Der Vortrag lässt sich im Internet abrufen. Larson ist der Meinung, dass es keine intelligenten Wohnungen gebe. Man müsse, sagt er, vielmehr dumme Wohnungen bauen und sie mit intelligenten Dingen einrichten. Ginge es nach Larson, kann es von diesen intelligenten Einrichtungsgegenständen gar nicht genug geben.

          Hier könnte alles sein: Blick in die Küche von „Case Study #1“
          Hier könnte alles sein: Blick in die Küche von „Case Study #1“ : Bild: dpa

          Wohin das raumtechnisch führt, zeigt Larsons Animation eines wandelbaren Apartments. Wir sehen eine Anordnung sich permanent verändernder Räume. Wie von Geisterhand fahren Wände hin und her, mal klappt ein Bett aus ihnen heraus, mal ein Laufband, je nachdem, ob der Bewohner lieber schlafen oder trainieren möchte. Wir sehen multifunktionale Tische, die für zwei Personen ebenso geeignet sind wie für zehn, und Couchlandschaften, die plötzlich verschwunden sind. Wohin, bleibt unklar. In Larsons Hightech-Behausungen definiert die Funktionalität den Wert eines Möbelstücks. Je ausgefeilter die Technik, desto besser.

          Und wer sollte etwas gegen durchdesignte, nutzerfreundliche, raumoptimierte Wohnungen hinter begrünten Fassaden haben, wo der Wohnraum in Städten wie München, Frankfurt oder Hamburg unaufhörlich knapper und teurer wird?

          Mobilität als Makel

          Flexibilität gilt heute als Voraussetzung für eine erfolgreiche Erwerbsbiographie, weshalb wir die Idee des Verschwindens verinnerlicht haben - wobei wir es nicht Verschwinden nennen, sondern Mobilität. Gedanklich sitzen wir auf gepackten Koffern. Dass Architekten- und Inneneinrichtungs-Thinktanks daran arbeiten, dieses Lebensgefühl optimal zu materialisieren und immer neue, temporäre Lebenshüllen für das bewegliche Ich zu entwerfen, ist also nur logisch. Jede Zeit hat ihre Wohnstile. Das neunzehnte Jahrhundert hatte erst die wunderbar warme, von der Antike inspirierte Schlichtheit des Biedermeier, dann den schwülstig-plüschigen Makartstil. Das zwanzigste Jahrhundert verfiel dann der Askese: Erst kam die funktionale kistenbestückte „Wohnung für das Existenzminimum“, dann, in den Fünfzigern, folgte der mager tänzelnde, auf Stelzenbeinchen und schmale Ausziehcouchen versessene Nierentischstil. Heute, heißt es in der Studie, stehe „der Wunsch nach Selbstverwirklichung im Vordergrund, beruflich wie privat. Waren bis in die 1960er Jahre noch fast ausschließlich die Wohnung, Arbeitsstätte und optional Kirche oder Kneipe die Orte der Interaktion, so ergibt sich heute ein komplexes, oft dynamisches Netzwerk aus einer Vielzahl von virtuellen Anlaufpunkten und physischen Orten, an denen sich multimobile Menschen heute aufhalten.“

          Es gab einmal eine Zeit zu Beginn der Industrialisierung, da war Mobilität nicht eben erstrebenswert, sie wurde sogar als Makel angesehen. Anstellungsverträge wurden damals häufig nur für wenige Tage geschlossen, und die Wohnungen in den Arbeiterquartieren dienten hauptsächlich als Schlafquartiere. Dem sesshaften Bürgertum war diese Lebensform ein Dorn im Auge. Sie galt, schreiben Hartmut Häußermann und Walter Siebel in ihrem Buch „Soziologie des Wohnens“, als eine der negativsten Erscheinungen des großstädtischen Lebens, ein Ausdruck von Instabilität, Beschwerlichkeit und Verwahrlosung. Diese Unstetigkeit flößte dem Bürgertum Angst ein: Die mobile Masse könnte rebellieren.

          Alles ist auf Zeit angelegt

          Zeig mir, wie du wohnst, und ich sag dir, wer du bist. Wohnen bedeutet Selbstvergewisserung. Norbert Elias bezeichnete die Einrichtung einer Wohnung als sichtbare Repräsentation von Eigenarten. Gern würde man wissen, was er zu all den Behältermöbeln und Stapelboxen gesagt hätte, die erdacht worden sind, um möglichst viele Eigenarten möglichst unauffällig entsorgen zu können. Individualität wird unsichtbar: Was früher in Bücherregalen und CD-Schränken Platz fand, tragen die Menschen heute in ihrem Notebook mit sich herum.

          Die aktuellen Wohntrends machen vor allem eines deutlich: wie sehr die Idee des Wandels und Austausches inzwischen mit den Strukturen unserer Gesellschaft verwoben ist. Sich auf längere Sicht festzulegen ist gar nicht mehr vorgesehen. Alles ist auf Zeit angelegt: Arbeitsverträge, Partnerschaften, Smartphone-Verträge, Mietverträge. Der moderne Mensch ist ein Drifter. Dass wir nur Gast auf Erden sind, war eigentlich einmal metaphysisch gemeint.

          Mit der Wohnung verändert sich der Mensch

          Wohin diese Vorläufigkeitsideologie beim Wohnen führt, hat Georges Perec in seinem Raumerkundungs-Buch „Träume von Räumen“ (1974) auf den Punkt gebracht: „Der Raum schmilzt dahin, wie der Sand zwischen den Fingern zerrinnt, die Zeit schwemmt ihn fort und lässt mir nur gestaltlose Fetzen zurück.“ Fortgeschwemmt würden nämlich auch die Biedermeierkommode der verstorbenen Großmutter oder der sperrige Schrank der Tante - und damit Teile der sichtbaren Erinnerung. Jedenfalls wird der Platz für solche der Selbstvergewisserung dienenden Identitätsbausteine in den auf Effizienz getrimmten Wohnungen knapp werden. Das verändert nicht nur die Wohnung, es verändert auch den Menschen, der in ihr wohnt. Die Trennung zwischen innen und außen, die einst als Abschottung vor den Zumutungen der Arbeitswelt gedacht war, gehört damit endgültig der Vergangenheit an.

          Der Verlust von Gewissheiten muss natürlich nicht zwangsläufig in die innerliche Entheimatung führen. Niemand sagt ja, dass man sich in den Wohnwelten der Zukunft nicht wohlfühlen darf. Nur eben nicht zu wohl.

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin beobachtet im September 2019 eine Militärübung.

          Ukraine-Konflikt : Was will Putin wirklich?

          Mit seinem Truppenaufmarsch befördert Russland, was es angeblich verhindern will: dass die NATO ihre Ostflanke verstärkt und der Westen Waffen an die Ukraine liefert.
          Am Tatort: Spurensicherung

          Amoklauf in Heidelberg : Im Hörsaal getötet

          Ein Student dringt mit mehreren Waffen in einen Hörsaal ein, und eröffnet das Feuer. Eine Frau stirbt nach einem Kopfschuss. Hinter dem Angriff soll eine Beziehungstat stecken.
          Hauptsache dagegen: Mehr als Zweitausend Impfgegner, Coronaleugner und Querdenker demonstrieren in der Innenstadt von Frankfurt am Main gegen die Corona-Maßnahmen.

          Corona-Proteste : Wo bleibt der Widerspruch?

          Seit Wochen bestimmen die Aufmärsche der „Querdenker“ die Bilder und Nachrichten. Dabei kann die große Mehrheit mit der Radikalopposition der Bewegung nichts anfangen. Warum sind die Besonnenen und Vernünftigen im Moment so still?