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Mobilität und Wohnen : Heimatlos in den eigenen vier Wänden

Mobilität als Makel

Flexibilität gilt heute als Voraussetzung für eine erfolgreiche Erwerbsbiographie, weshalb wir die Idee des Verschwindens verinnerlicht haben - wobei wir es nicht Verschwinden nennen, sondern Mobilität. Gedanklich sitzen wir auf gepackten Koffern. Dass Architekten- und Inneneinrichtungs-Thinktanks daran arbeiten, dieses Lebensgefühl optimal zu materialisieren und immer neue, temporäre Lebenshüllen für das bewegliche Ich zu entwerfen, ist also nur logisch. Jede Zeit hat ihre Wohnstile. Das neunzehnte Jahrhundert hatte erst die wunderbar warme, von der Antike inspirierte Schlichtheit des Biedermeier, dann den schwülstig-plüschigen Makartstil. Das zwanzigste Jahrhundert verfiel dann der Askese: Erst kam die funktionale kistenbestückte „Wohnung für das Existenzminimum“, dann, in den Fünfzigern, folgte der mager tänzelnde, auf Stelzenbeinchen und schmale Ausziehcouchen versessene Nierentischstil. Heute, heißt es in der Studie, stehe „der Wunsch nach Selbstverwirklichung im Vordergrund, beruflich wie privat. Waren bis in die 1960er Jahre noch fast ausschließlich die Wohnung, Arbeitsstätte und optional Kirche oder Kneipe die Orte der Interaktion, so ergibt sich heute ein komplexes, oft dynamisches Netzwerk aus einer Vielzahl von virtuellen Anlaufpunkten und physischen Orten, an denen sich multimobile Menschen heute aufhalten.“

Es gab einmal eine Zeit zu Beginn der Industrialisierung, da war Mobilität nicht eben erstrebenswert, sie wurde sogar als Makel angesehen. Anstellungsverträge wurden damals häufig nur für wenige Tage geschlossen, und die Wohnungen in den Arbeiterquartieren dienten hauptsächlich als Schlafquartiere. Dem sesshaften Bürgertum war diese Lebensform ein Dorn im Auge. Sie galt, schreiben Hartmut Häußermann und Walter Siebel in ihrem Buch „Soziologie des Wohnens“, als eine der negativsten Erscheinungen des großstädtischen Lebens, ein Ausdruck von Instabilität, Beschwerlichkeit und Verwahrlosung. Diese Unstetigkeit flößte dem Bürgertum Angst ein: Die mobile Masse könnte rebellieren.

Alles ist auf Zeit angelegt

Zeig mir, wie du wohnst, und ich sag dir, wer du bist. Wohnen bedeutet Selbstvergewisserung. Norbert Elias bezeichnete die Einrichtung einer Wohnung als sichtbare Repräsentation von Eigenarten. Gern würde man wissen, was er zu all den Behältermöbeln und Stapelboxen gesagt hätte, die erdacht worden sind, um möglichst viele Eigenarten möglichst unauffällig entsorgen zu können. Individualität wird unsichtbar: Was früher in Bücherregalen und CD-Schränken Platz fand, tragen die Menschen heute in ihrem Notebook mit sich herum.

Die aktuellen Wohntrends machen vor allem eines deutlich: wie sehr die Idee des Wandels und Austausches inzwischen mit den Strukturen unserer Gesellschaft verwoben ist. Sich auf längere Sicht festzulegen ist gar nicht mehr vorgesehen. Alles ist auf Zeit angelegt: Arbeitsverträge, Partnerschaften, Smartphone-Verträge, Mietverträge. Der moderne Mensch ist ein Drifter. Dass wir nur Gast auf Erden sind, war eigentlich einmal metaphysisch gemeint.

Mit der Wohnung verändert sich der Mensch

Wohin diese Vorläufigkeitsideologie beim Wohnen führt, hat Georges Perec in seinem Raumerkundungs-Buch „Träume von Räumen“ (1974) auf den Punkt gebracht: „Der Raum schmilzt dahin, wie der Sand zwischen den Fingern zerrinnt, die Zeit schwemmt ihn fort und lässt mir nur gestaltlose Fetzen zurück.“ Fortgeschwemmt würden nämlich auch die Biedermeierkommode der verstorbenen Großmutter oder der sperrige Schrank der Tante - und damit Teile der sichtbaren Erinnerung. Jedenfalls wird der Platz für solche der Selbstvergewisserung dienenden Identitätsbausteine in den auf Effizienz getrimmten Wohnungen knapp werden. Das verändert nicht nur die Wohnung, es verändert auch den Menschen, der in ihr wohnt. Die Trennung zwischen innen und außen, die einst als Abschottung vor den Zumutungen der Arbeitswelt gedacht war, gehört damit endgültig der Vergangenheit an.

Der Verlust von Gewissheiten muss natürlich nicht zwangsläufig in die innerliche Entheimatung führen. Niemand sagt ja, dass man sich in den Wohnwelten der Zukunft nicht wohlfühlen darf. Nur eben nicht zu wohl.

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