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Mobilisierung in Russland : Vor der Pflicht ist kein Entkommen

  • -Aktualisiert am

Druck des Kollektivs: Mobilisierte werden vom Priester gesegnet und erhalten von ihm Papierikonen. Bild: Igor Morozov TV/Rutube

Aus Geldnot, Scham und Angst vor dem Gefängnis: Warum vor allem in der russischen Provinz so viele Männer in den Krieg gegen die Ukraine ziehen. Ein Gastbeitrag.

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          Seit Russlands Präsident Putin die Mobilisierung verkündet hat, ist das Alltagsleben bei uns schizophren geworden. Einerseits haben alle Angst, dass ein Angehöriger an die Front geschickt werden könnte. In Telefongesprächen, in der Metro, in Geschäften hört man Dialogfetzen wie „Er ist über vierzig“ oder „er kam gerade aus der Armee zurück, die Mutter liegt nachts wach“ – es ist klar, worum es geht. Vor meinem Haus beobachtete ich heute, wie ein älteres Paar seinen erwachsenen Sohn mit einem großen Rucksack in ein Taxi setzten, das ihn wegbrachte. Öffentlich hingegen spricht man von der Mobilisierung eher optimistisch, und zwar nicht nur, wenn Propagandamedien zeigen, wie Einberufene verabschiedet werden. Auch die Mobilisierten selbst signalisieren mit Redewendungen wie „Was sein muss, muss sein“ oder „Das ist Pflicht“ Schicksalsergebenheit.

          Derzeit zieht in Russland die dritte „Generation“ von Soldaten an die Front. Die erste, die am 24. Februar die Ukraine überfiel, bestand vor allem aus Berufs- beziehungsweise Vertragssoldaten, also solchen, die nach dem Wehrpflichtdienst in der Armee geblieben waren. Das waren vor allem Leute aus der Provinz, wo es kaum gut bezahlte Arbeit gibt. Vielfach verpflichteten sich auch Wehrdienstleistende unter dem Druck ihrer Befehlshaber.

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