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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

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„Das Lehrerzimmer ist ein Ort, an dem oft über Schüler hergezogen und schlechte Laune verbreitet wird“: 2013 in einer niedersächsischen Schule Bild: dpa

Bei den Schülern beliebt, von den Kollegen gemobbt: Thomas N. ist nach der Wende mit größtem Engagement in den Pädagogenberuf eingestiegen. Jetzt droht sein Leben in Scherben zu fallen.

          Thomas N. ist Lehrer aus Überzeugung, Pädagoge aus Berufung. Ein freundlicher Mann mit Idealen. Von seinen Schülern wird er geschätzt und geachtet. Seine Arbeitszeit endet nicht mit dem Schulklingeln und hält sich auch nicht an den Ferienkalender. Wenn das „Fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner demnächst zur Neuverfilmung anstünde – was trotz der Idealbesetzung mit Blacky Fuchsberger immer wieder zu befürchten steht –, würde Thomas N. den perfekten Klassenlehrer Dr. Bökh abgeben.

          Und doch ist N. in Schwierigkeiten geraten, in gewaltige, existentielle. Um es gleich vorwegzunehmen: Er hat keinem Kind Gewalt angetan, ihm wird kein sexueller Missbrauch zur Last gelegt. Sein Manko ist es, unangepasst zu sein, ein Freidenker, als den er sich bezeichnet. Doch Schule ist auch nur ein Business wie jedes andere, ein hartes zudem. N. sagt, das Wichtigste für den Lehrerberuf sei, „authentisch“ zu sein.

          Kinder sollen freidenkende Menschen werden

          „Viele Kollegen setzen sich eine Lehrer-Maske auf, bevor sie den Klassenraum betreten. Das merken die Schüler natürlich. Dabei ist es gar nicht schwer, ein guter Lehrer zu werden. Man muss einfach nur fachlich was drauf haben und man selbst sein“. Thomas N. geht mit einem Schüler schon mal am Sonntag ins Fußballstadion, wenn er im Ethikunterricht Canetti durchnimmt, als Vorbereitung für ein Referat zum Thema „Masse und Macht“. Ein Ausflug, der Thomas N. nicht gut bekommen sollte, doch davon später mehr.

          Wenn N. von seiner Leidenschaft für Reformpädagogik erzählt, „weil da alles möglich ist und aus Kindern freidenkende Menschen werden können“, dann überholen ihn vor Begeisterung manchmal die eigenen Worte, wie einen Hasen die Hinterbeine beim schnellen Lauf durchs Feld. Als kleiner Junge hat Thomas N. gestottert. In seiner eigenen Schulzeit in Dresden fiel er nicht gerade durch Glanzleistungen auf.

          Im Klassenzimmer beliebt, im Lehrerzimmer nicht

          „Ich war ein Träumer, meine Mutter hat sich immer Sorgen gemacht.“ Seine Lehrer haben ihm das Träumen damals vorgeworfen. „Sie nahmen es mir übel, dass ich mich weniger für Mathematik und Physik als für meine eigenen Gedankenläufe interessierte.“ Viele seiner Kollegen sehen das auch vierzig Jahre später noch so und halten es für einen persönlichen Affront, wenn ein Schüler sich nicht für ihr Fachgebiet interessiert. „Aber der Mensch kann nun einmal nicht für alles glühen. Bei mir darf der Träumer seinen Gedanken nachhängen, solange er nicht stört und die schlechte Note durch eine bessere ausgleichen kann.“ Nicht nur dafür lieben ihn seine Schüler. Von seinen Kollegen aber wird er dafür auch kritisiert.

          Vielleicht geht beides einfach nicht zusammen – in der Klasse beliebt sein und auch im Lehrerzimmer. „Lehrerzimmer? Da bin ich selten“, sagt N. „Das ist ein Ort, an dem oft über Schüler hergezogen und schlechte Laune verbreitet wird. Oder es werden Arbeiten verteilt, die niemand erledigen will.“

          Widerstand in der DDR

          Thomas N.s eigene Schullaufbahn in der DDR endet zunächst nach der zehnten Klasse. Er macht eine Ausbildung zum Elektromonteur und beginnt 1987 in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Techniker. Zu dieser Zeit besucht er auch eine Abendschule, er will sein Abitur nachmachen. Sein Berufswunsch ist Lehrer. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit der Hellerauer Reformpädagogik. In der Gartenstadt Hellerau im Norden von Dresden ist er aufgewachsen. Die Utopie von der Erziehung der Kinder zu freien und mündigen Wesen beseelt ihn.

          Im Herbst 1988 empört sich Thomas N. über die aktuellen politischen Zustände im Lande. Sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden meldet sich. Die Zeitschrift „Sputnik“ (das sowjetische „Reader’s Digest“) ist plötzlich aus den Kiosken verschwunden, Perestrojka-Filme werden im Kino „Schauburg“ in der Dresdner Neustadt nicht mehr gezeigt, und der „Karl Marx-Orden“, die höchste Auszeichnung der DDR, wird ausgerechnet dem grausamen Diktator Nicolae Ceauşescu verliehen. N. entschließt sich, seine Wut über diese Willkür öffentlich zu machen, und heftet ein Gedicht an das schwarze Brett der Volkshochschule.

          Sputnik

          Belogen, betrogen zum Gehorsam

          erzogen,

          so wurdet ihr vierzig Jahre alt.

          Der Klassenfeind wollt’ stets den Krieg,

          und ihr, ihr glaubtet jede Lüg’

          aus unserem sozialistischen Blätterwald.

          Im Osten einst die Farbe rot –

          war dunkel, doch nun wird sie hell.

          Doch sie, sie schweigen die Wahrheit tot –

          Verdummt nur – schnell, schnell, schnell.

          „Das war natürlich keine große Dichtung, aber es sollte ja auch nur meine Wut ausdrücken und die richtigen Adressaten treffen“, sagt N. Und das war ihm anscheinend gelungen. Für den Aushang wird N. aus der Schule geworfen. Der parteikonforme Direktor fängt ihn am nächsten Tag persönlich am Schultor ab und schickt ihn ohne weitere Erklärung nach Hause. Das Abitur scheint damit unerreichbar geworden zu sein. Da schaltet sich die Stasi ein und bietet N. an, zu vermitteln. Er soll er sich dafür lediglich etwas kooperativ zeigen.

          Als er das Angebot ablehnt, bietet ihm der Pfarrer der Dresdner Kreuzkirche, Christof Ziemer, seine Hilfe an. Nur durch den Einsatz des Pfarrers, die Gespräche, die Ziemer mit dem Direktor der Volkshochschule führt, schafft es N. doch noch – es grenzt an ein Wunder –, nach zwei Monaten wieder die Schule besuchen zu dürfen, sein Abitur abzulegen und mit dem Studium zu beginnen. Seine Freunde können es nicht fassen, dass gerade N. Lehrer werden will. „Ausgerechnet du, der immer und überall aneckt? Das kann doch gar nicht gutgehen.“

          Nicht genügend Zensuren eingetragen: Die erste Abmahnung kam nach wenigen Wochen.

          Aber 1999, er hat soeben sein Studium abgeschlossen, wird er Gründungsmitglied eines Freien Gymnasiums. Dort tritt er auch seine erste Stelle an, gleich als Klassenlehrer. N. ist im Glück. Er kann jetzt endlich pädagogisch wirken und all sein erlerntes Wissen an die Kinder bringen. N. baut den Schülerrat und die Fachbereiche in Geschichte und Ethik auf. Er unterrichtet auch Philosophie, ebenfalls eines seiner privaten Interessengebiete und Herzensangelegenheiten.

          Eingestellt hat ihn unter anderem Dr. H. Der Kollege bleibt ihm während der fünfzehn gemeinsamen Jahre verbunden. Dr. H. ist Fachlehrer für Mathematik. „Mathematik ist eine präzise Wissenschaft, etwas ganz anderes als Ethik und Geschichte, mit Auslegungsfragen hab ich nichts zu tun.“ Die Kollegen haben unterschiedliche pädagogische Ansätze, dennoch schätzt Dr. H. die Arbeit von N. Man krempelt gemeinsam die Ärmel hoch. Zu Beginn muss eine Menge improvisiert werden, es fehlt die Logistik. In der Schule gibt es noch nicht einmal einen Kopierer.

          2007 wird N. in Geschichte promoviert. Er fördert die schwachen Schüler durch Nachsicht und Aufmunterungen und stärkt die guten durch Lob und Anerkennung. Als Vertrauenslehrer kennt er die Kinder und auch ihre Sorgen. Wenn etwas schiefläuft und er das Gefühl hat, helfen zu können, macht er schon einmal einen Hausbesuch bei den Eltern. In seinem Bundesland ist es Lehrern eigentlich verboten, in die Familien zu gehen. Das hält N. aber nicht davon ab. „Es gibt doch kaum etwas, das sich durch ein vernünftiges Gespräch in häuslicher Atmosphäre nicht klären lässt.“

          Die Abläufe im Schulalltag machen viele Eltern fassungslos.

          Der Fall der kleinen Maria ist besonders vertrackt: Deren geschiedene Mutter spricht dem Alkohol zu, eine Rechtschreibschwäche hat das Kind zudem, und etwas langsam ist es auch – aber nicht dumm. Hat Maria in einem Fach eine Fünf, dann gibt ihr N. einfach in einem anderen eine Zwei. „Die hätte nie sitzenbleiben dürfen, dann wäre sie verloren gewesen, die wäre untergegangen.“ Im letzten Sommer stand dann die inzwischen zwanzigjährige Maria mit der Mutter und der Oma plötzlich in der Schule, mit Wein und Blumen. Sie wollten sich bei N. persönlich bedanken, Maria hatte soeben ihre Ausbildung zur Krankenschwester begonnen.

          Bewerbung als Schulleiter

          „Das war so eine Sache mit der Maria. Sie konnte nun einmal nicht rechnen. Was für eine andere Note als eine Fünf hätte ich ihr also geben sollen?“, sagt Dr. H. und gibt zu, dass ihn N.s Eigenmächtigkeit geärgert habe. Und er war nicht der Einzige, der sich durch N.s Alleingänge brüskiert fühlte. N.s Schüler bekamen zum Beispiel häufig früher Schluss, als Belohnung für gute Mitarbeit. Dann polterten und lärmten sie durch die Gänge der Schule. Das wiegelte die anderen Schüler auf und verärgerte die Kollegen.Wozu die Ausnahmen? Als Lehrer sollte man sich schließlich an Regeln halten, sich den Gepflogenheiten unterordnen und Vorbild sein, hieß es dann.

          Zwei Klassen führt N. erfolgreich zum Abitur. Die Schule erhält, nicht zuletzt durch N.s Engagement, das Zertifikat „Schule mit Courage“. Es läuft gut für ihn. Doch 2014 dreht sich der Wind. Die bisherige Schulleitung tritt zurück, und ein neuer Schulleiter wird gesucht. N. bewirbt sich, er hält seine Chancen, Direktor zu werden, für gut. Eine Schule, eine Privatschule zumal, funktioniert nicht anders als jedes andere erfolgsorientierte Unternehmen. Der Druck ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Das wirkt sich als Stress auf die Mitarbeiter und auch auf die Kinder aus. In einem Klima der Angst kann wenig Gutes gedeihen. In der letzten Klasse vor dem Abitur kann bereits eine einzige schlechte Note in einem der Nebenfächer die Zukunft versauen, ein Medizinstudium ist dann so gut wie verloren. Der Leidensdruck der Kinder ist auch ein Stressfaktor für die Lehrer. Lob und Anerkennung bekommt keine der beiden Seiten. Sie haben zu funktionieren – nach Lehrplan. Mag sein, dass N.s Suche nach Lehrerintegrität in einer derart auf Effizienz getrimmten Gesellschaft nicht mehr gefragt, ja geradezu unerwünscht ist. Dennoch, die Qualität seines Unterrichts und sein Engagement für die Schüler stehen außer Frage.

          Erste Abmahnung nach wenigen Wochen

          Als eine Kollegin den ersehnten Posten bekommt, ist N. verärgert. „Er hat deutlich gemacht, dass ihm die Entscheidung nicht passte. Er hat da kein Blatt vor den Mund genommen“, sagt Dr. H. „Taktisch klug war das mit Sicherheit nicht. Die Kollegin verfügte nun einmal über Führungsqualitäten. Sie war präzise und strukturiert, Eigenschaften, die N.s Stärken erklärtermaßen nicht waren.“

          Wenige Wochen nachdem die neue Schulleiterin ihren Dienst angetreten hat, erhält N. seine erste Abmahnung. Er hat zu wenig Zensuren in den Notenhefter eingetragen. „Das war eine berechtigte Rüge, ich war im Verzug. Ich war einfach nicht dazu gekommen“, gibt N. zu. Eine Schusseligkeit kann passieren, Hauptsache, es kommt zu keiner zweiten Abmahnung, denn nach der kann die Kündigung ausgesprochen werden.

          Nicht jeder ist immer aufmerksam: „Bei mir darf der Träumer seinen Gedanken nachhängen, solange er nicht stört(...)“

          Doch die erfolgt umgehend. Im Ethikunterricht nimmt N. gerade Canettis „Masse und Macht“ durch. Ein Schüler meldet sich für ein Referat. N. ist passionierter Dynamo-Dresden-Fan, der Schüler ebenso. Als ein Fußballpokalspiel ansteht, Dresden gegen RB Leipzig, lädt N. den Schüler ins Stadion ein. Er soll am Beispiel des Spiels studieren, wie sich der Mensch in der Masse verhält – angewandte Pädagogik. In einer Schulstunde, der sogenannten Schülerlernzeit, in der die zwölfte Klasse eine Schulstunde zur freien Verfügung hat, um Vorträge vorzubereiten oder in eigener Verwaltung die Bibliothek zu nutzen, bucht N. im Lehrerzimmer für sich und den fußballbegeisterten Schüler zwei Karten für das Spiel. Im Internet, auf eigene Kosten.

          Das sieht die neue Schuldirektorin und erteilt N. kurzerhand die nächste Abmahnung. Der Vorwurf: N. habe während der Arbeitszeit den schulinternen Computer für private Zwecke genutzt und dabei seine Schüler unbeaufsichtigt gelassen. Dass es sich hierbei um eine Klasse handelt, in der fast alle Schüler volljährig sind und dass N.s Einsatz seinem Fachunterricht zugute kommt, lässt die Schulleiterin nicht gelten. N. schaltet einen Anwalt ein, um den Vorwurf, in der Schulzeit privaten Interessen nachgegangen zu sein, zu entkräften.

          Weniger Schüler, weniger Personal

          Denn nun wird die Lage für N. wirklich ernst, seine Zukunft steht auf dem Spiel. Die Entlassung droht. Eine juristische Gegendarstellung des Anwalts wird an seine Personalakte geheftet. Es wird von beiden Seiten auf eine Klage verzichtet. Das Verfahren ruht. N.s Arbeitsalltag ist angespannt. Er leidet unter Schlaflosigkeit und Unruhezuständen.

          Im Frühjahr 2017 ist die Zahl der Schüler stark zurückgegangen. Auf dem Land gibt es immer weniger Kinder. Die Schule wird im kommenden Schuljahr nur noch einzügig weitermachen können. Entlassungen stehen an. Der Trägerverein gibt Entwarnung. N. sei ein unentbehrlicher Pädagoge und Mitarbeiter, er solle sich keine Sorgen machen.

          Und dann kommt N. eines Montagmorgens zu spät zur Schule. Ein Stau auf der Autobahn hat ihn aufgehalten. Ein Kollege springt für ihn ein und übernimmt für zwanzig Minuten N.s Unterricht. Es sind diese zwanzig Minuten Verspätung, die sein Leben verändern. Für den Kollegen gibt es kein Problem: „Hat doch alles noch gut geklappt.“

          Triumph für die Direktorin

          Am selben Tag, N. steht gerade am Kopierer, kommt die Direktorin zu ihm. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und raunt ihm mit verstellter Stimme ins Ohr: „Thomas, du hast heute deine Aufsichtspflicht verletzt.“ Das klingt triumphal, wie eine Kampfansage – so schildert es N.

          Als er nach der Pause wieder in die Klasse geht, ahnt er, dass es die letzte Unterrichtsstunde an dieser Schule für ihn sein wird. Und so kommt es. Anderntags bekommt er die nächste Abmahnung. Thomas N. bittet den Bürgermeister, mit dem er lange schon per Du ist, zu einem Gespräch. Den Personalrat bittet er nicht dazu. „Darin saßen zum Teil Lehrer, die bis 1989 als Dialektiker die DDR-Geschichte unterrichteten und heute Demokratie predigten. Das hab ich nie zusammenbekommen“, sagt N. „Wieder waren es die ewig Gestrigen, die sich mir in den Weg stellten. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit fast fünfzig noch einmal, ähnlich wie 1988, von einer Schule fliegen würde.“

          Wenn eine einzige Note über die Zukunft entscheiden kann: In der letzten Klasse stehen die Schüler besonders unter Druck.

          „Ich weiß nicht, was die Direktorin dem Kollegen N. ins Ohr geraunt hat“, sagt Dr. H. „Ich war nicht dabei.“

          N. fürchtet sich davor, seine Arbeit zu verlieren, und spürt, dass er fortan gegen Windmühlen kämpfen wird. Nach der finalen Abmahnung soll nun die Entlassung folgen. Der Anwalt rät ihm, sich krank schreiben zu lassen – und er ist inzwischen tatsächlich krank, am Ende seiner Kräfte. Der Arzt ist fassungslos, wie die Schule mit dem Lehrer umspringt. Er war einer von N.s ersten Schülern.

          N. erwirkt eine Mediation mit der Schulleitung – die in Anwesenheit seines Anwalts stattfindet, Dr. H. wird die Teilnahme verweigert. Sie führt zu keinem Ergebnis. Eine rechtskräftige Kündigung kann wegen mehrfacher Verfahrensfehler nicht ausgesprochen werden, aber ein Fortführen seiner Lehrertätigkeit scheint auf der Basis der Vorfälle ebenfalls unmöglich. „Die will dich fertigmachen“, sagt einer der wenigen Kollegen, die noch zu ihm halten. Die meisten Lehrer haben sich aus Angst davor, ihren Job zu riskieren, von ihm abgewandt. Als N. wieder gesund ist, erteilt ihm die Schule plötzlich, ohne rechtliche Grundlage, Hausverbot. Doch seine zwölfte Klasse steht kurz vor dem Abitur, er könne die jungen Menschen nicht allein lassen, glaubt er. Deshalb unterrichtet er seine Schüler in Ethik fortan an Samstagnachmittagen auf dem Schulhof. Kurz darauf wird ihm von der Schulleitung das Betreten des Schulgeländes untersagt. Die Direktorin verweist ihn, wie einen dummen Jungen, vor allen Schülern vom Hof. Doch noch ist N. Lehrer an diesem Gymnasium, er bezieht auch noch sein volles Gehalt. Der Rechtsanwalt rät ihm, seine Arbeit wiederaufzunehmen und sich nicht beirren zu lassen.

          Angst vor schlechter Publicity

          Als er daraufhin die Schule abermals betreten will, droht ihm der plötzlich anwesende Bürgermeister mit der Polizei. Das Du gehört der Vergangenheit an. N. versteht die Welt nicht mehr.

          „Der Bürgermeister stand unter Druck. Als Mitglied des Trägervereins musste er um den Ruf der Schule fürchten, der Laden muss laufen. Öffentlich ausgetragene Querelen sind nicht gerade eine gute Publicity für eine Privatschule in finanzieller Not“, sagt Dr. H. kann sich jedoch die Härte, mit der gegen N. vorgegangen wird, bis heute nicht erklären.

          Der Referendar, der N.s Ethikstunden vormals aus der letzten Bankreihe verfolgte, übernimmt derweil den Fachunterricht. Thomas N. ist tief verzweifelt. „Ich hab mir nie etwas zuschulden kommen lassen. Ich habe immer hundertprozentiges Arbeitsengagement gezeigt, und dann spielt man mir derart übel mit.“

          Dann öffnet er eines Morgens einen Brief der Direktorin. N. soll eine Erklärung unterschreiben, dass er vom kommenden Schuljahr an auf seine Stellung als Klassenlehrer der zukünftigen ersten Klasse und auf den Geschichtsleistungskurs in der Oberstufe verzichtet. Ein Angebot zur Güte, verstehe sich.

          Als seine Klasse kurz vor dem Abitur stand, hatte N. plötzlich Hausverbot.

          Nach dieser Schikane bricht Thomas N. zusammen. Herzrasen, Atemnot, Weinkrämpfe und Angstzustände. Eine Nacht lang muss er im Kreiskrankenhaus verbringen. Aus dem Zusammenbruch erfolgt die Einsicht: Er ist am Ende und akzeptiert eine Abfindung, verlässt die Schule. N. lächelt, wenn er das erzählt. „Die Summe der Abfindung hört sich vielleicht viel an, aber wenn man es ausrechnet, dann sind das noch nicht einmal tausend Euro pro Arbeitsjahr.“

          In der Zwischenzeit hat ihn auch seine Lebensgefährtin verlassen. „Aber das hat nichts mit der Schule zu tun“, sagt N. Er zitiert Henry Miller: „Das Leben ist das, was wir uns vornehmen. Aber vor allem ist es das, was uns passiert.“

          Angst vor weiteren Repressalien

          Seine zwölfte Klasse verliest auf der Abiturfeier in der Schule eine Grußbotschaft ihres ehemaligen Lehrers. Sie schließt: „Ich wünsche euch – egal, ob ihr Kant, Nietzsche oder Camus zum Vorbild nehmt – eine glückliche Zukunft.“

          Auch die Schüler und Schülerinnen seiner ehemaligen zwei Klassen schließen sich zusammen und verfassen einen offenen Brief. Doch N. hindert sie an der Veröffentlichung. Sosehr ihn der Zuspruch freut und aufbaut, seine Angst vor weiteren Repressalien und Drangsalierungen ist stärker.

          Sein Arbeitszeugnis schreibt er sich selbst: „Herr Dr. Thomas N. verlässt nach 18 Jahren das von ihm mit aufgebaute Freie Gymnasium auf eigenen Wunsch. Wir danken ihm für seine Leistungen und bedauern sein Ausscheiden. Wir sind überzeugt, dass er auch in Zukunft in seiner Tätigkeit als Lehrer außerordentliche Erfolge erzielen wird.“

          Machtmissbrauch oder Mobbing?

          Dr. H. sagt: „Es ist eine Schande, dass die Gesellschaft einen Lehrer wie N. nicht wertzuschätzen weiß. Aber vielleicht sind seine Art und auch seine Lehrmethode einfach nicht mehr zeitgemäß.“ Dr. H. gehört zu den wenigen Kollegen, die sich nicht von N. abgewendet haben. Er ist der Einzige, der sich zu der Sache äußern will. „Ich hab nichts zu verlieren. Ich stehe kurz vor der Rente, und Mathelehrer gibt es in unserer Gegend so wenige, dass ich ohnehin nichts zu befürchten habe.“ Dass N. der Schulleiterin Mobbing vorhält, kann er nicht so recht nachvollziehen. „Von Mobbing kann man doch nur unter Mitarbeitern oder bei einer Gruppe von Kindern sprechen. Vorgesetzte haben nun einmal mehr Macht als Untergebene. Machtmissbrauch ist etwas anderes als Mobbing.“

          Viele der Eltern, die heute ihr Kind durch den Schulalltag begleiten müssen, sind fassungslos über die Leidenschaftslosigkeit der Lehrer. Die Phantasielosigkeit, mangelnde Emphase, die Art, wie die Kinder allein gelassen werden, können einen wütend machen. Die regelmäßigen Ausgaben für die dann fälligen Nachhilfelehrer, die mühsam den Schulstoff aufbereiten müssen, erst recht.

          Sollte man hier also lieber von Schikane statt von Mobbing sprechen? In letzter Zeit ist viel von Machtmissbrauch mit sexueller Komponente die Rede. Es gibt aber auch in der Alltagswelt Schikanen auf allen Ebenen, und sie treffen beide Geschlechter, Frauen wie Männer.

          Ärger wegen der AfD

          N. unterrichtet inzwischen wieder. An einer Oberschule in der ostdeutschen Provinz, als Fachlehrer. Bei guter Führung und ohne Abmahnungen darf er in drei Jahren wieder an einem Gymnasium in der nächstgelegenen Großstadt als Klassenlehrer arbeiten. „2020 kann ich mit etwas Glück dann endlich wieder bei null anfangen.“

          Doch schon ziehen neue Gewitterwolken herauf. Im Ethikunterricht an seiner jetzigen Oberschule hat N., anlässlich der Bundestagswahl, die Parteien erklärt. Die AfD hat er dabei als Partei bezeichnet, die rechtes Gedankengut vertrete. Einen Tag später beschwerten sich einige Eltern, der Lehrer habe die AfD verunglimpft. Die Schule liegt in einer Gegend, die man als AfD-Hochburg bezeichnen kann. Eine rechtslastige Band, von der N. noch nie gehört hatte, gab an, N. hätte sich gegen ihren Auftritt auf einem Schulfest ausgesprochen. Eine Abmahnung kann er gerade noch abbiegen.

          Frontalunterricht? Viele Eltern ärgern sich über die Phantasielosigkeit und fehlende Leidenschaft der Lehrer.

          Dennoch wird weiter auch in seinem Gemeinschaftskundeunterricht hospitiert: von einer Fachbereichsleiterin, die seine pädagogische Kompetenz überprüft – ganz so, als wäre er als Lehrer frisch von der Uni gekommen.

          „Gerade im Fach Gemeinschaftskunde kann ich doch nicht meine humanistische Gesinnung verschweigen“, sagt N. Erst recht nicht, wenn, wie unlängst in der benachbarten Kleinstadt geschehen, eine Massenschlägerei zwischen deutschen Jugendlichen und Flüchtlingen, zumeist aus Syrien, stattfand. Die Syrer bewaffneten sich mit Messern und verletzten zwei deutsche Jugendliche schwer. Das thematisierte N. im Unterricht und schlug, da er eine Gewaltspirale befürchtete, eine Demonstration unter dem Motto „Keine Gewalt“ vor. Mit dem Ergebnis, dass ihm in der neunten und in der zehnten Klasse teilweise Hass und Aggression entgegenschlugen.

          Mehrere Schüler brüsteten sich damit, dass sie bei der Schlägerei dabei waren und dass sie „keine Flüchtlinge in ihrer Stadt haben wollen“. Sie wehrten sich gegen N.s Vernunftargumente, die Stimmung heizte sich auf, während die Fachbereichsleiterin aus dem Hintergrund seinen Unterricht bewertete und ihm im Anschluss jegliche pädagogische Fähigkeitet absprach. Schon wieder muss N. die existentielle Katastrophe befürchten.

          Es sind schwere Zeiten für Menschen, die ihre Haltung zeigen und die Vernunft bewahren. Nicht nur unter den Lehrern.

          Eva Sichelschmidt, geboren 1970, lebt in Berlin. 2017 erschien ihr Roman „Die Ruhe ist weg“ (Knaus Verlag).

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