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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

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Viele der Eltern, die heute ihr Kind durch den Schulalltag begleiten müssen, sind fassungslos über die Leidenschaftslosigkeit der Lehrer. Die Phantasielosigkeit, mangelnde Emphase, die Art, wie die Kinder allein gelassen werden, können einen wütend machen. Die regelmäßigen Ausgaben für die dann fälligen Nachhilfelehrer, die mühsam den Schulstoff aufbereiten müssen, erst recht.

Sollte man hier also lieber von Schikane statt von Mobbing sprechen? In letzter Zeit ist viel von Machtmissbrauch mit sexueller Komponente die Rede. Es gibt aber auch in der Alltagswelt Schikanen auf allen Ebenen, und sie treffen beide Geschlechter, Frauen wie Männer.

Ärger wegen der AfD

N. unterrichtet inzwischen wieder. An einer Oberschule in der ostdeutschen Provinz, als Fachlehrer. Bei guter Führung und ohne Abmahnungen darf er in drei Jahren wieder an einem Gymnasium in der nächstgelegenen Großstadt als Klassenlehrer arbeiten. „2020 kann ich mit etwas Glück dann endlich wieder bei null anfangen.“

Doch schon ziehen neue Gewitterwolken herauf. Im Ethikunterricht an seiner jetzigen Oberschule hat N., anlässlich der Bundestagswahl, die Parteien erklärt. Die AfD hat er dabei als Partei bezeichnet, die rechtes Gedankengut vertrete. Einen Tag später beschwerten sich einige Eltern, der Lehrer habe die AfD verunglimpft. Die Schule liegt in einer Gegend, die man als AfD-Hochburg bezeichnen kann. Eine rechtslastige Band, von der N. noch nie gehört hatte, gab an, N. hätte sich gegen ihren Auftritt auf einem Schulfest ausgesprochen. Eine Abmahnung kann er gerade noch abbiegen.

Frontalunterricht? Viele Eltern ärgern sich über die Phantasielosigkeit und fehlende Leidenschaft der Lehrer.

Dennoch wird weiter auch in seinem Gemeinschaftskundeunterricht hospitiert: von einer Fachbereichsleiterin, die seine pädagogische Kompetenz überprüft – ganz so, als wäre er als Lehrer frisch von der Uni gekommen.

„Gerade im Fach Gemeinschaftskunde kann ich doch nicht meine humanistische Gesinnung verschweigen“, sagt N. Erst recht nicht, wenn, wie unlängst in der benachbarten Kleinstadt geschehen, eine Massenschlägerei zwischen deutschen Jugendlichen und Flüchtlingen, zumeist aus Syrien, stattfand. Die Syrer bewaffneten sich mit Messern und verletzten zwei deutsche Jugendliche schwer. Das thematisierte N. im Unterricht und schlug, da er eine Gewaltspirale befürchtete, eine Demonstration unter dem Motto „Keine Gewalt“ vor. Mit dem Ergebnis, dass ihm in der neunten und in der zehnten Klasse teilweise Hass und Aggression entgegenschlugen.

Mehrere Schüler brüsteten sich damit, dass sie bei der Schlägerei dabei waren und dass sie „keine Flüchtlinge in ihrer Stadt haben wollen“. Sie wehrten sich gegen N.s Vernunftargumente, die Stimmung heizte sich auf, während die Fachbereichsleiterin aus dem Hintergrund seinen Unterricht bewertete und ihm im Anschluss jegliche pädagogische Fähigkeitet absprach. Schon wieder muss N. die existentielle Katastrophe befürchten.

Es sind schwere Zeiten für Menschen, die ihre Haltung zeigen und die Vernunft bewahren. Nicht nur unter den Lehrern.

Eva Sichelschmidt, geboren 1970, lebt in Berlin. 2017 erschien ihr Roman „Die Ruhe ist weg“ (Knaus Verlag).

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