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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

  • -Aktualisiert am

Der Referendar, der N.s Ethikstunden vormals aus der letzten Bankreihe verfolgte, übernimmt derweil den Fachunterricht. Thomas N. ist tief verzweifelt. „Ich hab mir nie etwas zuschulden kommen lassen. Ich habe immer hundertprozentiges Arbeitsengagement gezeigt, und dann spielt man mir derart übel mit.“

Dann öffnet er eines Morgens einen Brief der Direktorin. N. soll eine Erklärung unterschreiben, dass er vom kommenden Schuljahr an auf seine Stellung als Klassenlehrer der zukünftigen ersten Klasse und auf den Geschichtsleistungskurs in der Oberstufe verzichtet. Ein Angebot zur Güte, verstehe sich.

Als seine Klasse kurz vor dem Abitur stand, hatte N. plötzlich Hausverbot.

Nach dieser Schikane bricht Thomas N. zusammen. Herzrasen, Atemnot, Weinkrämpfe und Angstzustände. Eine Nacht lang muss er im Kreiskrankenhaus verbringen. Aus dem Zusammenbruch erfolgt die Einsicht: Er ist am Ende und akzeptiert eine Abfindung, verlässt die Schule. N. lächelt, wenn er das erzählt. „Die Summe der Abfindung hört sich vielleicht viel an, aber wenn man es ausrechnet, dann sind das noch nicht einmal tausend Euro pro Arbeitsjahr.“

In der Zwischenzeit hat ihn auch seine Lebensgefährtin verlassen. „Aber das hat nichts mit der Schule zu tun“, sagt N. Er zitiert Henry Miller: „Das Leben ist das, was wir uns vornehmen. Aber vor allem ist es das, was uns passiert.“

Angst vor weiteren Repressalien

Seine zwölfte Klasse verliest auf der Abiturfeier in der Schule eine Grußbotschaft ihres ehemaligen Lehrers. Sie schließt: „Ich wünsche euch – egal, ob ihr Kant, Nietzsche oder Camus zum Vorbild nehmt – eine glückliche Zukunft.“

Auch die Schüler und Schülerinnen seiner ehemaligen zwei Klassen schließen sich zusammen und verfassen einen offenen Brief. Doch N. hindert sie an der Veröffentlichung. Sosehr ihn der Zuspruch freut und aufbaut, seine Angst vor weiteren Repressalien und Drangsalierungen ist stärker.

Sein Arbeitszeugnis schreibt er sich selbst: „Herr Dr. Thomas N. verlässt nach 18 Jahren das von ihm mit aufgebaute Freie Gymnasium auf eigenen Wunsch. Wir danken ihm für seine Leistungen und bedauern sein Ausscheiden. Wir sind überzeugt, dass er auch in Zukunft in seiner Tätigkeit als Lehrer außerordentliche Erfolge erzielen wird.“

Machtmissbrauch oder Mobbing?

Dr. H. sagt: „Es ist eine Schande, dass die Gesellschaft einen Lehrer wie N. nicht wertzuschätzen weiß. Aber vielleicht sind seine Art und auch seine Lehrmethode einfach nicht mehr zeitgemäß.“ Dr. H. gehört zu den wenigen Kollegen, die sich nicht von N. abgewendet haben. Er ist der Einzige, der sich zu der Sache äußern will. „Ich hab nichts zu verlieren. Ich stehe kurz vor der Rente, und Mathelehrer gibt es in unserer Gegend so wenige, dass ich ohnehin nichts zu befürchten habe.“ Dass N. der Schulleiterin Mobbing vorhält, kann er nicht so recht nachvollziehen. „Von Mobbing kann man doch nur unter Mitarbeitern oder bei einer Gruppe von Kindern sprechen. Vorgesetzte haben nun einmal mehr Macht als Untergebene. Machtmissbrauch ist etwas anderes als Mobbing.“

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