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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

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Triumph für die Direktorin

Am selben Tag, N. steht gerade am Kopierer, kommt die Direktorin zu ihm. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und raunt ihm mit verstellter Stimme ins Ohr: „Thomas, du hast heute deine Aufsichtspflicht verletzt.“ Das klingt triumphal, wie eine Kampfansage – so schildert es N.

Als er nach der Pause wieder in die Klasse geht, ahnt er, dass es die letzte Unterrichtsstunde an dieser Schule für ihn sein wird. Und so kommt es. Anderntags bekommt er die nächste Abmahnung. Thomas N. bittet den Bürgermeister, mit dem er lange schon per Du ist, zu einem Gespräch. Den Personalrat bittet er nicht dazu. „Darin saßen zum Teil Lehrer, die bis 1989 als Dialektiker die DDR-Geschichte unterrichteten und heute Demokratie predigten. Das hab ich nie zusammenbekommen“, sagt N. „Wieder waren es die ewig Gestrigen, die sich mir in den Weg stellten. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit fast fünfzig noch einmal, ähnlich wie 1988, von einer Schule fliegen würde.“

Wenn eine einzige Note über die Zukunft entscheiden kann: In der letzten Klasse stehen die Schüler besonders unter Druck.

„Ich weiß nicht, was die Direktorin dem Kollegen N. ins Ohr geraunt hat“, sagt Dr. H. „Ich war nicht dabei.“

N. fürchtet sich davor, seine Arbeit zu verlieren, und spürt, dass er fortan gegen Windmühlen kämpfen wird. Nach der finalen Abmahnung soll nun die Entlassung folgen. Der Anwalt rät ihm, sich krank schreiben zu lassen – und er ist inzwischen tatsächlich krank, am Ende seiner Kräfte. Der Arzt ist fassungslos, wie die Schule mit dem Lehrer umspringt. Er war einer von N.s ersten Schülern.

N. erwirkt eine Mediation mit der Schulleitung – die in Anwesenheit seines Anwalts stattfindet, Dr. H. wird die Teilnahme verweigert. Sie führt zu keinem Ergebnis. Eine rechtskräftige Kündigung kann wegen mehrfacher Verfahrensfehler nicht ausgesprochen werden, aber ein Fortführen seiner Lehrertätigkeit scheint auf der Basis der Vorfälle ebenfalls unmöglich. „Die will dich fertigmachen“, sagt einer der wenigen Kollegen, die noch zu ihm halten. Die meisten Lehrer haben sich aus Angst davor, ihren Job zu riskieren, von ihm abgewandt. Als N. wieder gesund ist, erteilt ihm die Schule plötzlich, ohne rechtliche Grundlage, Hausverbot. Doch seine zwölfte Klasse steht kurz vor dem Abitur, er könne die jungen Menschen nicht allein lassen, glaubt er. Deshalb unterrichtet er seine Schüler in Ethik fortan an Samstagnachmittagen auf dem Schulhof. Kurz darauf wird ihm von der Schulleitung das Betreten des Schulgeländes untersagt. Die Direktorin verweist ihn, wie einen dummen Jungen, vor allen Schülern vom Hof. Doch noch ist N. Lehrer an diesem Gymnasium, er bezieht auch noch sein volles Gehalt. Der Rechtsanwalt rät ihm, seine Arbeit wiederaufzunehmen und sich nicht beirren zu lassen.

Angst vor schlechter Publicity

Als er daraufhin die Schule abermals betreten will, droht ihm der plötzlich anwesende Bürgermeister mit der Polizei. Das Du gehört der Vergangenheit an. N. versteht die Welt nicht mehr.

„Der Bürgermeister stand unter Druck. Als Mitglied des Trägervereins musste er um den Ruf der Schule fürchten, der Laden muss laufen. Öffentlich ausgetragene Querelen sind nicht gerade eine gute Publicity für eine Privatschule in finanzieller Not“, sagt Dr. H. kann sich jedoch die Härte, mit der gegen N. vorgegangen wird, bis heute nicht erklären.

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