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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

  • -Aktualisiert am

Erste Abmahnung nach wenigen Wochen

Als eine Kollegin den ersehnten Posten bekommt, ist N. verärgert. „Er hat deutlich gemacht, dass ihm die Entscheidung nicht passte. Er hat da kein Blatt vor den Mund genommen“, sagt Dr. H. „Taktisch klug war das mit Sicherheit nicht. Die Kollegin verfügte nun einmal über Führungsqualitäten. Sie war präzise und strukturiert, Eigenschaften, die N.s Stärken erklärtermaßen nicht waren.“

Wenige Wochen nachdem die neue Schulleiterin ihren Dienst angetreten hat, erhält N. seine erste Abmahnung. Er hat zu wenig Zensuren in den Notenhefter eingetragen. „Das war eine berechtigte Rüge, ich war im Verzug. Ich war einfach nicht dazu gekommen“, gibt N. zu. Eine Schusseligkeit kann passieren, Hauptsache, es kommt zu keiner zweiten Abmahnung, denn nach der kann die Kündigung ausgesprochen werden.

Nicht jeder ist immer aufmerksam: „Bei mir darf der Träumer seinen Gedanken nachhängen, solange er nicht stört(...)“

Doch die erfolgt umgehend. Im Ethikunterricht nimmt N. gerade Canettis „Masse und Macht“ durch. Ein Schüler meldet sich für ein Referat. N. ist passionierter Dynamo-Dresden-Fan, der Schüler ebenso. Als ein Fußballpokalspiel ansteht, Dresden gegen RB Leipzig, lädt N. den Schüler ins Stadion ein. Er soll am Beispiel des Spiels studieren, wie sich der Mensch in der Masse verhält – angewandte Pädagogik. In einer Schulstunde, der sogenannten Schülerlernzeit, in der die zwölfte Klasse eine Schulstunde zur freien Verfügung hat, um Vorträge vorzubereiten oder in eigener Verwaltung die Bibliothek zu nutzen, bucht N. im Lehrerzimmer für sich und den fußballbegeisterten Schüler zwei Karten für das Spiel. Im Internet, auf eigene Kosten.

Das sieht die neue Schuldirektorin und erteilt N. kurzerhand die nächste Abmahnung. Der Vorwurf: N. habe während der Arbeitszeit den schulinternen Computer für private Zwecke genutzt und dabei seine Schüler unbeaufsichtigt gelassen. Dass es sich hierbei um eine Klasse handelt, in der fast alle Schüler volljährig sind und dass N.s Einsatz seinem Fachunterricht zugute kommt, lässt die Schulleiterin nicht gelten. N. schaltet einen Anwalt ein, um den Vorwurf, in der Schulzeit privaten Interessen nachgegangen zu sein, zu entkräften.

Weniger Schüler, weniger Personal

Denn nun wird die Lage für N. wirklich ernst, seine Zukunft steht auf dem Spiel. Die Entlassung droht. Eine juristische Gegendarstellung des Anwalts wird an seine Personalakte geheftet. Es wird von beiden Seiten auf eine Klage verzichtet. Das Verfahren ruht. N.s Arbeitsalltag ist angespannt. Er leidet unter Schlaflosigkeit und Unruhezuständen.

Im Frühjahr 2017 ist die Zahl der Schüler stark zurückgegangen. Auf dem Land gibt es immer weniger Kinder. Die Schule wird im kommenden Schuljahr nur noch einzügig weitermachen können. Entlassungen stehen an. Der Trägerverein gibt Entwarnung. N. sei ein unentbehrlicher Pädagoge und Mitarbeiter, er solle sich keine Sorgen machen.

Und dann kommt N. eines Montagmorgens zu spät zur Schule. Ein Stau auf der Autobahn hat ihn aufgehalten. Ein Kollege springt für ihn ein und übernimmt für zwanzig Minuten N.s Unterricht. Es sind diese zwanzig Minuten Verspätung, die sein Leben verändern. Für den Kollegen gibt es kein Problem: „Hat doch alles noch gut geklappt.“

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