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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

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Eingestellt hat ihn unter anderem Dr. H. Der Kollege bleibt ihm während der fünfzehn gemeinsamen Jahre verbunden. Dr. H. ist Fachlehrer für Mathematik. „Mathematik ist eine präzise Wissenschaft, etwas ganz anderes als Ethik und Geschichte, mit Auslegungsfragen hab ich nichts zu tun.“ Die Kollegen haben unterschiedliche pädagogische Ansätze, dennoch schätzt Dr. H. die Arbeit von N. Man krempelt gemeinsam die Ärmel hoch. Zu Beginn muss eine Menge improvisiert werden, es fehlt die Logistik. In der Schule gibt es noch nicht einmal einen Kopierer.

2007 wird N. in Geschichte promoviert. Er fördert die schwachen Schüler durch Nachsicht und Aufmunterungen und stärkt die guten durch Lob und Anerkennung. Als Vertrauenslehrer kennt er die Kinder und auch ihre Sorgen. Wenn etwas schiefläuft und er das Gefühl hat, helfen zu können, macht er schon einmal einen Hausbesuch bei den Eltern. In seinem Bundesland ist es Lehrern eigentlich verboten, in die Familien zu gehen. Das hält N. aber nicht davon ab. „Es gibt doch kaum etwas, das sich durch ein vernünftiges Gespräch in häuslicher Atmosphäre nicht klären lässt.“

Die Abläufe im Schulalltag machen viele Eltern fassungslos.

Der Fall der kleinen Maria ist besonders vertrackt: Deren geschiedene Mutter spricht dem Alkohol zu, eine Rechtschreibschwäche hat das Kind zudem, und etwas langsam ist es auch – aber nicht dumm. Hat Maria in einem Fach eine Fünf, dann gibt ihr N. einfach in einem anderen eine Zwei. „Die hätte nie sitzenbleiben dürfen, dann wäre sie verloren gewesen, die wäre untergegangen.“ Im letzten Sommer stand dann die inzwischen zwanzigjährige Maria mit der Mutter und der Oma plötzlich in der Schule, mit Wein und Blumen. Sie wollten sich bei N. persönlich bedanken, Maria hatte soeben ihre Ausbildung zur Krankenschwester begonnen.

Bewerbung als Schulleiter

„Das war so eine Sache mit der Maria. Sie konnte nun einmal nicht rechnen. Was für eine andere Note als eine Fünf hätte ich ihr also geben sollen?“, sagt Dr. H. und gibt zu, dass ihn N.s Eigenmächtigkeit geärgert habe. Und er war nicht der Einzige, der sich durch N.s Alleingänge brüskiert fühlte. N.s Schüler bekamen zum Beispiel häufig früher Schluss, als Belohnung für gute Mitarbeit. Dann polterten und lärmten sie durch die Gänge der Schule. Das wiegelte die anderen Schüler auf und verärgerte die Kollegen.Wozu die Ausnahmen? Als Lehrer sollte man sich schließlich an Regeln halten, sich den Gepflogenheiten unterordnen und Vorbild sein, hieß es dann.

Zwei Klassen führt N. erfolgreich zum Abitur. Die Schule erhält, nicht zuletzt durch N.s Engagement, das Zertifikat „Schule mit Courage“. Es läuft gut für ihn. Doch 2014 dreht sich der Wind. Die bisherige Schulleitung tritt zurück, und ein neuer Schulleiter wird gesucht. N. bewirbt sich, er hält seine Chancen, Direktor zu werden, für gut. Eine Schule, eine Privatschule zumal, funktioniert nicht anders als jedes andere erfolgsorientierte Unternehmen. Der Druck ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Das wirkt sich als Stress auf die Mitarbeiter und auch auf die Kinder aus. In einem Klima der Angst kann wenig Gutes gedeihen. In der letzten Klasse vor dem Abitur kann bereits eine einzige schlechte Note in einem der Nebenfächer die Zukunft versauen, ein Medizinstudium ist dann so gut wie verloren. Der Leidensdruck der Kinder ist auch ein Stressfaktor für die Lehrer. Lob und Anerkennung bekommt keine der beiden Seiten. Sie haben zu funktionieren – nach Lehrplan. Mag sein, dass N.s Suche nach Lehrerintegrität in einer derart auf Effizienz getrimmten Gesellschaft nicht mehr gefragt, ja geradezu unerwünscht ist. Dennoch, die Qualität seines Unterrichts und sein Engagement für die Schüler stehen außer Frage.

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