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Pädagogenlaufbahn : Lehrer in Not

  • -Aktualisiert am

Widerstand in der DDR

Thomas N.s eigene Schullaufbahn in der DDR endet zunächst nach der zehnten Klasse. Er macht eine Ausbildung zum Elektromonteur und beginnt 1987 in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Techniker. Zu dieser Zeit besucht er auch eine Abendschule, er will sein Abitur nachmachen. Sein Berufswunsch ist Lehrer. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit der Hellerauer Reformpädagogik. In der Gartenstadt Hellerau im Norden von Dresden ist er aufgewachsen. Die Utopie von der Erziehung der Kinder zu freien und mündigen Wesen beseelt ihn.

Im Herbst 1988 empört sich Thomas N. über die aktuellen politischen Zustände im Lande. Sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden meldet sich. Die Zeitschrift „Sputnik“ (das sowjetische „Reader’s Digest“) ist plötzlich aus den Kiosken verschwunden, Perestrojka-Filme werden im Kino „Schauburg“ in der Dresdner Neustadt nicht mehr gezeigt, und der „Karl Marx-Orden“, die höchste Auszeichnung der DDR, wird ausgerechnet dem grausamen Diktator Nicolae Ceauşescu verliehen. N. entschließt sich, seine Wut über diese Willkür öffentlich zu machen, und heftet ein Gedicht an das schwarze Brett der Volkshochschule.

Sputnik

Belogen, betrogen zum Gehorsam

erzogen,

so wurdet ihr vierzig Jahre alt.

Der Klassenfeind wollt’ stets den Krieg,

und ihr, ihr glaubtet jede Lüg’

aus unserem sozialistischen Blätterwald.

Im Osten einst die Farbe rot –

war dunkel, doch nun wird sie hell.

Doch sie, sie schweigen die Wahrheit tot –

Verdummt nur – schnell, schnell, schnell.

„Das war natürlich keine große Dichtung, aber es sollte ja auch nur meine Wut ausdrücken und die richtigen Adressaten treffen“, sagt N. Und das war ihm anscheinend gelungen. Für den Aushang wird N. aus der Schule geworfen. Der parteikonforme Direktor fängt ihn am nächsten Tag persönlich am Schultor ab und schickt ihn ohne weitere Erklärung nach Hause. Das Abitur scheint damit unerreichbar geworden zu sein. Da schaltet sich die Stasi ein und bietet N. an, zu vermitteln. Er soll er sich dafür lediglich etwas kooperativ zeigen.

Als er das Angebot ablehnt, bietet ihm der Pfarrer der Dresdner Kreuzkirche, Christof Ziemer, seine Hilfe an. Nur durch den Einsatz des Pfarrers, die Gespräche, die Ziemer mit dem Direktor der Volkshochschule führt, schafft es N. doch noch – es grenzt an ein Wunder –, nach zwei Monaten wieder die Schule besuchen zu dürfen, sein Abitur abzulegen und mit dem Studium zu beginnen. Seine Freunde können es nicht fassen, dass gerade N. Lehrer werden will. „Ausgerechnet du, der immer und überall aneckt? Das kann doch gar nicht gutgehen.“

Nicht genügend Zensuren eingetragen: Die erste Abmahnung kam nach wenigen Wochen.

Aber 1999, er hat soeben sein Studium abgeschlossen, wird er Gründungsmitglied eines Freien Gymnasiums. Dort tritt er auch seine erste Stelle an, gleich als Klassenlehrer. N. ist im Glück. Er kann jetzt endlich pädagogisch wirken und all sein erlerntes Wissen an die Kinder bringen. N. baut den Schülerrat und die Fachbereiche in Geschichte und Ethik auf. Er unterrichtet auch Philosophie, ebenfalls eines seiner privaten Interessengebiete und Herzensangelegenheiten.

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