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Mitten in Europa : Was uns Kiew angeht

  • -Aktualisiert am

Die Proteste auf dem Majdan gehen weiter - aber wohin? Bild: dpa

In der Ukraine protestieren zehntausende Menschen gegen die Politik von Präsident Janukowitsch. Was haben die Demonstrationen in Kiew zu bedeuten - und was geht es uns hier an?

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          Die Stadt sieht aus wie im Partisanenkrieg. In Palästen und in den Kirchen schlafen Protestierende, auf dem Platz lodern Lagerfeuer, dort, auf der Luteranskaja, der Lutherstraße, wo ich zur Schule gegangen bin, stehen Barrikaden. Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was in Kiew passieren wird mit all diesen prachtvollen Menschen, heute und in den kommenden Tagen. Wir stehen vor einem Ereignis, das die weiteren Wege Europas stark beeinflussen wird, ob wir das möchten oder nicht. Denn Kiew befindet sich mitten in Europa, nicht nur geographisch.

          Es gibt historische Momente, und später teilt man die Geschichte in davor und danach. Der Mauerfall war ein solcher. Wenn man sich an jene Nacht erinnert, an die Freude, an die Spannung und an die Gefahr, dass alles schiefgehen konnte, wird man das verstehen. Damals wurde das Schlimmste vermieden. Das Blut. Das war ein wahres Wunder, wir haben es nur vergessen. Schnell vergisst man den Preis der friedlichen Normalität.

          Mit dem Rücken zur Wand

          Was nun in Kiew passiert, ist die größte Demonstration für europäische Werte und zugleich die größte Demonstration gegen Putin, der die Ukraine als seine eigene Domäne betrachtet. Ein Platz ist zum handelnden politischen Subjekt geworden: der Majdan. Trotz der Kälte stehen seit drei Wochen Zehntausende Menschen auf dem Majdan, einfach weil sie nicht anders können. Sie stehen für Unabhängigkeit und menschliche Würde. Jede und jeder einzelne von ihnen ist eine europäische Institution. Von einem solchen Zusammenhalt, Solidarität und Selbstorganisation haben wir nicht einmal geträumt. Der kalte Majdan erscheint mir tausend Mal europäischer als unsere zivilisierten und warmen Stuben in Berlin.

          Präsident Janukowitsch hat sich durch seine eigene Unfähigkeit selbst in die Sackgasse getrieben. Nun gibt er sich verhandlungsbereit, aber gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass er zur Konfrontation entschlossen ist. Staatsbeamte müssen nun auf Anordnung gegen den Majdan demonstrieren, man bringt bezahlte Gegendemonstranten mit Sonderzügen aus den östlichen Regionen, die Fahrpläne der Züge sind im Internet veröffentlicht. Janukowitsch hat die Menschen erst beraubt, und nun bezahlt er sie dafür, für ihn zu demonstrieren.

          Hoffen, dass es friedlich bleibt

          Oder geht es um Provokationen und Krawall, um die Verhängung des Ausnahmezustands zu legitimieren?

          Die Ukrainer hätten das EU-Assoziationsabkommen gar nicht so leidenschaftlich begehrt, um dafür drei Wochen in der Kälte zu stehen, wenn sie einen anderen Garanten für Rechtsstaatlichkeit hätten, denn ihre Regierung hat die Gerichtsbarkeit systematisch gleichgeschaltet. Die Anwendung von Gewalt gegen Demonstranten war es dann, die die Menschen nicht einschüchterte, sondern auf den Majdan trieb, denn die Forderung nach Freilassung der politischen Gefangenen und nach Bestrafung der Schuldigen vereinigt alle über alle politischen Lager hinweg.

          Und die Menschen stehen. Demokratische Kommunikation von Flugblatt bis Twitter. Essen und Müllentsorgung werden selbst organisiert. Meine Freunde sind dort, auch diejenigen, von denen ich es nie erwartet hätte. Manche standen vor den Gerichtsgebäuden, als die von der Sondereinheit „Berkut“ Verletzten angeklagt wurden, manche organisieren Konzerte auf dem Majdan oder kreieren neue Apps für die bessere Logistik bei den Demonstrationen. Seit Freitag gibt es Open-Air-Kino. Studenten lösen einander ab und gehen studieren, Mediziner versorgen den Majdan mit Medikamenten und dokumentieren die Zahl der Verletzten, sogar die tief zerstrittenen Kirchen Kiews sind 24 Stunden am Tag für alle offen, als wären sie zum Ursprung des Glaubens zurückgekehrt; sie tun alles, um Gewalt zu verhindern. In der Stadt herrscht eine Bürgerhysterie, und ich habe Angst.

          Ich habe Angst, dass wir das alles verlieren können. Können wir etwas für sie tun? Welche übergeordnete Autorität könnte dort helfen, der Papst, der Dalai Lama? Aber Janukowitsch weiß vermutlich gar nicht, wer das ist.

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