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Mitten in Deutschland : Der nette Herr Dschihad von nebenan

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Welche Beziehungen kann ein Extremist hier aufbauen? Bild: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes

Was bleibt von meinem Nachbarn, der so gerne ein Massenmörder geworden wäre? Standen wir gemeinsam an der Ampel? Ich dachte an den Feierabend, er an den besten Weg, mich umzubringen. Nils Minkmar macht sich Gedanken.

          Wenn man vom dreißigsten Stock des Mediaparkhochhauses, vom Restaurant "Osman 30" aus auf Köln-Ehrenfeld hinunterschaut, erkennt man unser beider Häuser, nur durch zwei kleine Straßen getrennt. So friedlich sieht das aus. Vielleicht standen wir mal zusammen an der Ampel oder saßen uns in der Straßenbahn gegenüber. Der Kioskbesitzer erinnert sich nicht: "So viele Araber", sagt er lachend. Dschihad sah aus wie alle. Man kann nicht alle verdächtigen. Und wer kann schon etwas für seinen Vornamen?

          Was bleibt von meinem Nachbarn, der so gerne ein Massenmörder geworden wäre?

          In der Pizzapastaschnitzeldönerbude erinnert man sich an ihn. Hier machte er oft Pause vom Basteln an der Frauenmännerkinderzerfetzmaschine.

          War er überhaupt in der großen Moschee an der Venloer Straße?

          Nun wird mir alles klar, denke ich

          Nun wird mir alles klar, denke ich, als der überdimensionierte Teller kommt. Das vom Spieß abgeschabte Fleisch zieht Fäden vor Fett, die eingelegte rote Pimentsoße fließt in die Knoblauchquarksoße, auf die extrabreiten Pommes hat der fürsorgliche Thekenmitarbeiter Ketchup und Mayo gehäuft. Der kleine Raum wird von einer mobilen Klimaanlage behelligt, auf einem der beiden Kühlschränke steht ein extrabreiter Fernseher und strahlt Viva über die beiden Tische, an denen er sich mit seinem Komplizen gestärkt hat, wenn die Bombenbauarbeit sich hinzog. Nun wird mir alles klar, denke ich, weil man ja irgendwas denken muß und sich Sarkasmus anbietet. Dabei ist die gastronomisch-hermeneutische Methode so sinnig oder unsinnig wie jede andere.

          Eine Sünde pro Sekunde

          Dieser kleine Imbiß kann einem schon zusetzen. Rein ist hier nichts, dafür sauber. Man kann unter hundert Gerichten wählen, den ganzen Mittelmeerraum rauf und runter, aber auch ein Zigeunerschnitzel oder ein Schnitzel Hawaii kann man bestellen. Im Nebenzimmer stapeln sich die Pizzaboxen, hier wird auch ausgefahren. Es geht hektisch zu, die Musik dröhnt, Ayran gibt es in fünf Geschmacksrichtungen, aber auch mehrere Sorten Bier, Zigaretten, und für die wartenden Taxen vor der Tür steht immer eine Thermoskanne Kaffee bereit. Irgend jemand kommt immer rein, oft, für Dschihad sicher viel zu oft, sind es auch unbegleitete Frauen, die sich schnell noch was einpacken lassen, bevor sie in die Straßenbahn steigen. Ein Fanatiker erkennt hier ungefähr eine Sünde pro Sekunde; da ist die Küche noch nicht mitgerechnet.

          Seitdem in der Mitte der vergangenen Woche die Identität der Bombenbauer bekannt wurde, ist der kleine Imbiß oft gefilmt worden. Das macht dem Inhaber, einem nachdenklichen Türken, Sorgen. Wer will schon als Dönermeister der Terroristen bekannt werden. Dieselbe Sorge hat der Inhaber des Internetcafes nebenan auch. Sein Laden, in dem heute auch Lebensmittel, Getränke, Zigaretten und sehr günstige Mp3-Player zu haben sind, läuft kaum noch, seit er als eine Art Al-Qaida-Außenstelle im Fernsehen zu sehen war. Zusammen sitzen sie an einem der Tische und versuchen, auf einem Umweltschutzpapierblock mit Kugelschreiber eine Art Beschwerde an die Medien aufzusetzen.

          In Ehrenfeld hat sich mein Nachbar keine Freunde gemacht. Sich dieses Quartier ausgesucht zu haben, das ist einfach - so hört man es von vielen Seiten - besonders gemein. Mehr als ein Viertel der Bewohner ist nicht hier geboren; das sind Zahlen wie aus Vancouver. Nach dem Krieg hatte Ehrenfeld noch ganze tausend Einwohner, heute sind es etwa 35.000, sie leben friedlich zusammen und kommen ganz gut zurecht.

          Unmäßig wütend

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