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Interview zu Belarus : „Dieser Gewalt kann man nur Liebe und Schwäche entgegensetzen“

Was soll man mit so einem Protest anfangen? Demonstration in Minsk vor zehn Tagen Bild: EPA

Der brutalen Gewalt des autoritären Staates in Belarus ist nur mit Liebe beizukommen: Der Schriftsteller Viktor Martinowitsch über kritische Literatur, oppositionelle Frauen und eine neue Technologie des Protests.

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          Am Wochenende ließ der bedrängte Aleksandr Lukaschenka seinen Palast von der Armee abriegeln und trat mit Sturmgewehr auf. Wie sicher ist er sich der Loyalität seines Gewaltapparats?

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Ich weiß nicht, ob er bereit wäre, auf unbewaffnete friedliche Menschen zu schießen. Was während der vergangenen Tage und Wochen geschah, war ja kaum ein Protest, es gab keine zerschlagene Scheibe, keinen verbrannten Reifen, keine Steinwürfe auf Polizisten. Es war eher eine Demonstration, dass es uns gibt, dass wir die Mehrheit sind; dass wir bei den Wahlen betrogen wurden und dass die Betrüger so tun, als gäbe es uns nicht.

          Die Brutalität der Ordnungskräfte hat viele Belarussen schockiert.

          Auch ich glaubte noch vor einer Woche nicht, dass die Ordnungshüter dazu fähig seien. Aber das System hat die Köpfe aller Kämpfer infiltriert. Doch auch nach den Aufnahmen von Leuten mit Folterspuren, nach den Berichten über Todesopfer unter den friedlichen Demonstranten gab es nur vereinzelte Fälle von Ordnungshütern, die den Dienst quittierten. Der Effekt des einstürzenden Kartenhauses blieb aus.

          Die Mitarbeiter des Sicherheitsapparats sind finanziell gut ausgestattet und gehen früh in Rente. Das will man nicht verlieren.

          Ich habe das in meinem Roman „Paranoia“ geschildert, der 2014 auf Deutsch herauskam. Es ist das Bild eines Landes, in dem alle Lebenssphären, von der Medizin bis zum Straßenverkehr, von paranoider Angst bestimmt sind, von dem Gefühl, ständig beschattet und abgehört zu werden, und dass jeder, der sich politisch engagiert, zum Feind wird, der vernichtet werden muss. Doch die Ängste sind nicht neu, Lukaschenka hat bloß die Gespenster der dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts reanimiert.

          Warum funktioniert das trotz massiver Repressionen nicht mehr?

          Noch 2010 wurde ein Präsidentschaftskandidat direkt aus dem Krankenhaus verhaftet, kein Arzt protestierte damals. Jetzt kamen die Festgenommenen aus den Gefängnissen in die Kliniken, und über sie berichteten zuerst die Ärzte, sie handelten ehrlich wie Leute, die sich von der Angst befreit hatten.

          In dem Roman „Paranoia“ schildern Sie, wie eine Liebesbegegnung von den das Paar abhörenden Beschattern wahrgenommen wird. Wie nehmen wohl Angehörige der „Gewaltorgane“ die friedlichen Demonstranten wahr?

          Das System ist schizophren. Vor drei Monaten wurde behauptet, Russland bedrohe Belarus und schüre eine Revolution. Das Büro des russischen Internetanbieters Yandex wurde durchsucht. Viktor Babariko, der langjährige Direktor der Belgasprombank, einer Gasprom-Tochter, wurde zum Feind, der Staat übernahm die Belgasprombank. Jetzt wurde die Europäische Union zum Feind erklärt, Lukaschenka verlagerte Armeetruppen von der östlichen an die westliche Grenze. Der Durchschnittsbürger hört, dass nach Moskau nun angeblich Polen uns bedroht, zugleich sieht er friedliche Leute, die sich die Schuhe ausziehen, bevor sie bei Kundgebungen auf eine Parkbank steigen.

          Ein Markenzeichen der Proteste ist der große Anteil von Frauen, die nach den ersten Übergriffen auf Demonstranten Polizisten umarmten und so auch ihre Männer schützten. Belarus ist in seiner Geschichte immer wieder verwüstet worden, Frauen mussten die Rolle verhafteter oder getöteter Männer übernehmen.

          Der Erste und der Zweite Weltkrieg spielten sich zu einem Großteil auf dem Boden von Belarus ab. Mein Urgroßvater, ein Bauer, wurde von Nazi-Deutschen erschossen. So wurde meine Urgroßmutter Familienoberhaupt. Die „Drei Schwestern“ im belarussischen Präsidentschaftswahlkampf entsprechen einem alten kulturellen Code. Swetlana Tichanowskaja kandidierte für ihren verhafteten Mann, Maria Kolesnikowa vertritt den inhaftierten Babariko, Veronika Zepkalo vertrat ihren aus dem Land geflohenen Mann, bis sie selbst fliehen musste. Mich begeistert an diesen Kundgebungen aber auch die Kraft der Schönheit im Angesicht einer gewaltbereiten Macht. Dieser grausamen Gewalt kann man nur Liebe und Schwäche entgegensetzen. Nach den ersten Protesten war klar, dass jeder Mann, der auf die Straße geht, ins Gefängnis kommen und schrecklich gefoltert werden kann. Aber die Frauen, die Blumen verschenkten, ihre Barmherzigkeit, dagegen waren die Machthaber machtlos, das war stärker als physische Stärke. In ihrer Verzweiflung entwickelten diese Frauen eine neue Technologie des Protestes und waren plötzlich unbesiegbar.

          Swetlana Alexijewitsch glaubt, unter den sadistischen Polizisten müssten russische Kräfte gewesen sein, Belarussen hätten nicht derart auf ihre Landsleute eingedroschen.

          Swetlana Alexandrowna ist ein sehr guter Mensch, eine reine Humanistin, sie kann sich nicht vorstellen, wie tief das Böse in die Seele des Menschen eindringt. Ich bin vollkommen sicher, dass es keinerlei russische Unterstützung gab. Die russisch-belarussischen Beziehungen durchleben die tiefste Krise ihrer Geschichte. Denken Sie an die Geschichte mit der Belgasprombank. Belarus bekommt billiges Gas und Erdöl, kauft aber plötzlich amerikanisches Öl und lehnt die Integration mit Russland ab, die Putin gebraucht hätte, um eine Verfassungsänderung zu vermeiden. Beide Staaten misstrauen einander tief. Swetlana Alexijewitsch spielt jedoch eine unvergleichliche Rolle als Intellektuelle. Vor allem da die für Bildung zuständigen Schullehrer und sogar die Universitätsprofessoren schweigen, statt der Jugend den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erklären. Umso bedeutsamer wird die Stimme des Intellektuellen, der die Gewalt verurteilt. Alexijewitsch gehört zu jenen, die sich finanzielle Unabhängigkeit bewahrt haben und sich den Luxus leisten können, Schwarzes schwarz zu nennen. Dabei werden wir alle beschattet. Auch mir können wegen dieses Interviews die schlimmsten Dinge passieren.

          Doch streikende belarussische Journalisten wurden von russischen Kollegen ersetzt.

          Sie leisten dem Regime eine sehr zweifelhafte Hilfe. Im Staatsradio wurde vorgestern der Pro-Lukaschenka-Song „Sanja bleibt bei uns“ (Sanja ostanetsja s nami) nonstop eine Stunde lang gespielt. Das erzeugt nur Wut, auch bei Lukaschenka-Anhängern. Diese „Hilfe“ erinnert eher an Sabotage.

          Sie leben in Minsk, lehren aber in Vilnius Kunstgeschichte.

          In Belarus bin ich gewissermaßen unsichtbar, ich habe Fernsehverbot, meine Stücke werden auf den großen Bühnen nicht gespielt. Das ist ein sehr belarussischer Lebensweg. Nehmen Sie Francis Skorina, unseren ersten Bibelübersetzer, Marc Chagall, Swetlana Alexijewitsch oder den Rocksänger Sergej Michalok – sie alle mussten außerhalb ihres Landes etwas werden, bevor sie auch in der Heimat wahrgenommen wurden.

          Ihr neuer Roman „Revolution“, der im Herbst auf Russisch herauskommt, behandelt die ethische Frage der Unterordnung unter Machtstrukturen.

          Darin geht es um Macht, allerdings nicht um Politik, sondern um Machtverhältnisse allgemein, zur Ehefrau, zum Chef, zum Polizisten. Es geht um Korruption und darum, dass Menschen Anweisungen als verbrecherisch erkennen und sie dennoch befolgen – wie jetzt bei den Ereignissen in Belarus. Mich interessiert die Bereitschaft, die eigene Willensfreiheit an einen anderen abzugeben. Das Christentum betont, dass man ohne freien Willen nicht über Gut und Böse reden kann. Der Roman entstand während der letzten zwölf Jahre, er hat nichts mit den jetzigen Protesten zu tun und erklärt sie dennoch in einem philosophischen Sinn grundlegend.

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