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James Nachtwey wird 70 : Mit Fotografien das Leid beenden

Gleichgültig kann niemand bleiben: James Nachtwey vor seinen Aufnahmen verletzter Kinder aus Tschetschenien. Bild: Imago

Zum siebzigsten Geburtstag des berühmten Kriegsreporters widmet das „Time“-Magazin den Aufnahmen James Nachtweys eine ganze Ausgabe. Und doch wirkt es nicht so, als wäre die Bildreportage an den Ort zurückgekehrt, an dem sie ihren Ursprung hat.

          Dieser Tage liegt an den amerikanischen Zeitungskiosken ein Sonderheft des Nachrichtenmagazins „Time“. Es heißt „The Opioid Diaries“, also „Die Opiat-Tagebücher“, und erzählt in knappsten Beiträgen vom Schicksal Drogenabhängiger, deren Angehörigen sowie den Polizisten und Rettungssanitätern, die mit ihnen zu tun haben – beispielhaft für 64.000 Drogentote pro Jahr in den Vereinigten Staaten, was etwa der Zahl aller gefallenen Amerikaner in den Kriegen in Vietnam, Irak und Afghanistan zusammengenommen entspricht. Jeder Text ist ergänzt um Schwarzweißfotografien von James Nachtwey, meist über Doppelseiten gezogen. Genauer betrachtet ist es deshalb sogar umgekehrt: „Time“ hat der jüngsten Arbeit des amerikanischen Fotojournalisten ein Heft gewidmet – und zu jedem Bild ein paar Worte formuliert.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es ist das erste Mal in der 95 Jahre langen Geschichte von „Time“, das eine Ausgabe mit Bildern von nur einem einzigen Fotografen illustriert ist, und man würde sie nur allzu gern zum Anlass nehmen, von der Rückkehr der Bildreportage an den Ort zu sprechen, an dem sie ihren Ursprung hat: in einem illustrierten Heft. Aber diesen Eindruck gewinnt man nicht. Vielmehr glaubt man, die Broschüre zu einer Ausstellung in Händen zu halten. Das liegt zum einen daran, dass die Fotoreportage schon seit einigen Jahren ihre neue Heimat in Kunstgalerien und Museen gefunden hat, oft begleitet von opulenten Katalogen.

          Mit dem im November 1998 aufgenommenen Bild eines in Indonesien verfolgten Mannes gewann James Nachtwey den Bayeux Award

          Es liegt aber auch an Nachtweys Ästhetik, mit der er noch den schrecklichsten Motiven ein Moment von Schönheit abgewinnt, bis hin zu dem Vorwurf, manche Bilder seien gestellt, dem er in diesem Heft kaum entkommt, wenn sich auf zwei verschiedenen Aufnahmen offenbar ein und der selbe Mann in großartigen Kompositionen die Nadel seiner Spritze mal in den linken, mal in den rechten Arm sticht. Dabei ist Authentizität von größter Bedeutung für die moralische Autorität des Fotografen. Was zu der Frage führt: Gibt es ein Ethos der Reportagefotografie?

          In einer Ausstellung in Leipzig im Mai 2004

          Gerade für James Nachtwey hätte man das immer unterstellt. Vor allem in den neunziger Jahren galt er als der berühmteste und auch beste Kriegsreporter seiner Zeit – obwohl er mit „Antikriegsreporter“ ungleich besser bezeichnet wäre. Es gab keinen Konfliktherd, den er nicht besuchte: Somalia, Ruanda und Zaire, Nicaragua und El Salvador, Kosovo und Bosnien, Tschetschenien und Palästina. Fast schlafwandlerisch, so zeigte es Christian Frei 2002 in seinem oscarnominierten Dokumentarfilm „War Photographer“, bewegte sich Nachtwey zwischen den Fronten. Als hielte er sich für unsterblich. Und nicht frei von Pathos erklärte er, dass er einer Berufung folge, getrieben von dem Glauben, Fotografie sei eine friedenstiftende Form der Verständigung, und dass seine Aufnahmen von hungernden Menschen und zerfetzten Leibern, von trauernden Müttern oder von Männern, die genau im Moment der Aufnahme bestialisch hingerichtet werden, die Verantwortlichen zum Handeln zwingen können. Das Risiko auf sich zu nehmen, einen Krieg zu dokumentieren, war sein Beitrag, den Frieden zu verhandeln. Wer hat den Vietnamkrieg beendet, fragt er in Gesprächen, und gibt augenblicklich die Antwort: der Journalismus. Und was sorge dafür, dass Menschen bereit seien, gewaltige Summen für die Opfer von Katastrophen zu spenden: die Fotografie!

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