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Architekturbiennale in Venedig : Massen auf engem Raum

  • -Aktualisiert am

Der Architekt Solano Benitez aus Paraguay versucht es mit Selbstbauweise: Blick auf seine Arbeit „bricks work“ auf der Architekturbiennale in Venedig. Bild: AFP

Die Architekturbiennale hat das Motto „Reporting from the Front“. Das klingt, als widme sie sich dem drängenden Flüchtlings-Thema. Doch davon sieht man in Venedig nicht viel. Gibt es keine Ideen?

          Es beginnt mit einem Loch. Man denkt erst, dass es ein Leuchtkastenbild ist, ein großes Foto vom Meer, das in den deutschen Pavillon gehängt wurde, aber dann geht man hinein und der Wind rauscht einem entgegen und man merkt, dass es das wirkliche Meer ist, das man dort sieht: In die Wand wurde ein großes Loch geschnitten, in die Wände daneben vier weitere. Der Pavillon, an dessen NS-Ästhetik sich Generationen von Künstlern abgearbeitet haben, wirkt jetzt ganz plötzlich so, als habe er seine Rüstung abgeworfen und sich ein den Temperaturen angemesseneres Sommerkleid übergezogen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Berliner Team „Something fantastic“, das zusammen mit Oliver Elser und Peter Cachola Schmal vom Frankfurter DAM den deutschen Pavillon gestaltete, hat etwas Erstaunliches gemacht: Torgroße Öffnungen klappen zur Lagune hin auf, die Geräusche der Schiffe sammeln sich wie in einem Schallverstärker, die Welt draußen rückt auf eine eigenartige Weise näher, ohne dass das Ganze auch nur ansatzweise wie eine kitschige Politmetapher (offenes Haus, Wände einreißen etc.) wirken würde. Der Pavillon erinnert jetzt an die offenen Häuser, die im japanischen Pavillon nebenan gezeigt werden, deren Erdgeschosse entweder ein Wohnzimmer sein können oder, wenn man die Fassade öffnet, die manchmal nur ein dicker regenfester Vorhang ist, auch: Café, Bühne, Teil der Stadt.

          Wie werden Flüchtlinge untergebracht?

          Um neue Wohnformen geht es auch im deutschen Pavillon, der sich damit befasst, wie Flüchtlinge und Migranten untergebracht und integriert werden können. An den Wänden sieht man Bilder von Offenbach (F.A.Z. von 27. Mai), dem Ort mit der größten Migrantendichte in Deutschland, und vom Dong Xuan Center in Berlin, einem gigantischen vietnamesischen Einkaufszentrum, das hier als Beispiel für gelungene Integration vorgeführt wird. Dazu sind plakative Thesen angeschlagen, die im Kern die These illustrieren, dass Gettobildung nichts ist, was um jeden Preis vermieden werden müsse, sondern dass sie im Gegenteil bei der Integration helfen könne – weil die eigenen Landsleute schon da sind, Netzwerke aufgebaut haben, Arbeit beschaffen und so den sozialen Aufstieg der Neuangekommenen unterstützen könne. Wie die Unterkünfte der neuen „Arrival Cities“ aussehen könnten, zeigen die Ergebnisse eines Ideenwettbewerbs.

          An dieser Biennale sieht man aber auch, wie schwer es ist, mit einer Ausstellung auf die sich überschlagenden Ereignisse der Flüchtlings- und Weltpolitik zu reagieren: Als der deutsche Beitrag geplant wurde, befand sich das Land noch mehrheitlich im Wir-schaffen-das-Zustand, die Krise galt als lösbar. Mittlerweile ist Idomeni geräumt, bei „Getto“ denken die Leute an Molenbeek, und vom deutschen Wir-schaffen-das sind, wie bei einer kaputten Leuchtreklame, nur noch die Buchstaben A, F und D übrig. So gesehen wirkt der deutsche Pavillon in seiner Offenheit und seinem erfinderischen Optimismus wie eine Erinnerung an ein anderes Land.

          Die Ausstellung des deutschen Pavillon auf der 15. Architektur-Biennale in Venedig trägt den Titel «Making Heimat. Germany Arrival Country».

          Mit der Schließung der Balkan-Route sind alle Problem verlagert in die Nachbarstaaten der Krisenländer, die auf dieser Biennale zeigen, welche Rolle Architektur an den neuen neuralgischen Orten der Welt übernehmen könnte. Manchmal gelingt das, insgesamt ist diese Biennale das Dokument einer Überforderung, eines Kollapses – und dass man sich im skandinavischen Gemeinschaftspavillon auf eine Therapeutencouch legen und Architekten über die heilsame Wirkung des Bauens reden hören kann, ist ein Gag, der den Ernst der Lage verkennt: Andersherum wäre es vielleicht besser.

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