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Buschkowskys Nachfolgerin : Hier spricht Neukölln – und zwar deutsch

Hier sieht heute niemand nach Drogen aus: Maientage auf der Neuköllner Hasenheide Bild: Julia Zimmermann

Hier leben die Träume, Ängste, Falschheiten und auch die Wahrheiten der Deutschen auf sehr engem Raum mit sehr vielen Ausländern: mit der neuen Bezirksbürgermeisterin unterwegs in Neukölln.

          7 Min.

          Neukölln ist absolut deutsch. Dieses Viertel, das selten nur Viertel genannt wird, sondern oft auch das Wort „Problem“ wie eine schwere und hässliche Kette um seinen Namen herumtragen muss, dieses Viertel, in dem beinah die Hälfte der Einwohner Ausländer sind oder ausländische Eltern bis Großeltern haben, dieses Viertel ist so absolut deutsch wie seine neue Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey. Und das, obwohl Giffey auch im Ausland geboren wurde, in einem ganz anderen Land, das es nun nicht mehr gibt, in der DDR.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch Probleme, Ausländer und DDR sind an diesem Morgen, an dem wir uns treffen, völlig egal, denn erst mal geht es nur um die „Black-Hole-Achterbahn“ und das Karussell „Magic-Shaker“. Giffey sitzt in der zweiten Etage einer hölzernen Schaustellerhütte, umrahmt von Schildern mit Trinksprüchen. Die 37-jährige SPD-Politikerin schaut sie nicht an, diese Schilder, sie schaut noch aufrichtig lächelnd in die Gesichter der Menschen, die hier sind - auf der Pressekonferenz der Maientage, des jährlichen Jahrmarkts in einem Neuköllner Park, wo normalerweise Drogen verkauft und gekauft werden. Doch nach Drogen sieht hier niemand aus. Das Publikum: überwiegend phäno-deutsch, alt und männlich. Bis auf eine Ausnahme: Eine siebzehnjährige Schülerin mit Kopftuch, die das diesjährige Maientageplakat gemalt hat und deshalb mit Franziska Giffey vor drei Lokalfotografen posieren muss.

          Eine Politintrige von niedlichem Format

          Nach den Fotos und einer Begrüßungsrede bekommt jeder Gast einen Maientage-Jubiläums-Katalog. Und der Veranstalter einen kleinen Eklat. Denn in dem Katalog steht als Erstes das Grußwort des stellvertretenden Bezirksbürgermeisters; der Text seiner Vorgesetzten Franziska Giffey aber wird zwischen den hinteren Seiten versteckt. Giffey bemerkt das sehr schnell, was ich wiederum an ihrem Gesicht schnell bemerke und sofort sensationshungrig frage, warum das so ist. Der Katalog-Herausgeber, ein älterer Herr mit rauhem, rotem Gesicht, wirft mir einen bösen Blick gegen den Kopf und erklärt beleidigt, dass alles ein Versehen und gar nicht so schlimm sei. Giffey, auf einmal vollkommen entschlossen und ganz unpolitikerhaft, diskutiert hart und klar mit dem beleidigten Rauh-rot-Gesicht. Die Stimmung in der zweiten Holzhütten-Etage bricht beinah in die erste herunter. Doch bevor der Boden einstürzt, verabschiedet sich die Bezirksbürgermeisterin ordentlich und freundlich.

          Dass die Bethlehemskirche einst eine Dorfkirche war, sieht man dem Kopfsteinpflasteridyll bis heute an: Der Richardplatz, Rixdorf. Bilderstrecke

          Und jetzt will sie mir ihr Viertel vorführen. Während ich Giffey zum Auto begleite, denke ich an das „Versehen“ und auch daran, dass es vermutlich gar kein Versehen war. Seit zwei Wochen ist Franziska Giffey Bezirksbürgermeisterin. Heinz Buschkowsky hat sie als Nachfolgerin vorgeschlagen, nachdem er aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten musste. Nächstes Jahr wird dann neu gewählt und entschieden, ob Giffey Bürgermeisterin bleibt oder nicht. Deshalb könnte der Katalog-Versehen-Vorfall auch Wahlkampf bedeuten. Denn viele Maientage-Schausteller sollen der CDU näher sein als der SPD, und Giffeys Stellvertreter, der das erste Grußwort bekam und CDU-Politiker ist, ist auch ihr Kontrahent bei der Wahl. Darauf angesprochen, lächelt Giffey wieder aufrichtig freundlich, will aber nichts sagen. So beginnt der Giffey-Tag in Neukölln mit einer Politintrige von sehr niedlichem, kleinem Format.

          Die wirklich großen Probleme

          „Zum Richardplatz, bitte“, sagt Giffey dem Fahrer, und während wir fahren, zieht an uns ein Schnäppchen-Center nach dem anderen vorbei, auch die Bezirksbürgermeisterin hat hier und da schon mal ein Schnäppchen gekauft, für ihren Sohn, ein Spiel oder so. Aber um das Sparen soll es jetzt nicht mehr gehen, es geht um den Norden Neuköllns. Als wir aus dem Auto aussteigen, platzen auf einmal meine Problemviertel-Klischees. „Ein altes böhmisches Dorf“, sagt Giffey fast stolz. Und ich denke sofort, dass sie mir diesen Platz nur zeigen will, um zu zeigen, wie schön ihr Viertel sein kann, und vielleicht auch, um irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe einer Problembezirk-Bezirksbürgermeisterin zu besiegen. Doch dann sagt Giffey ohne irgendeinen Komplex, dass es auch hier Schwierigkeiten geben würde, weil und obwohl an diesem Platz Bildungsbürgerfamilien wohnten. „Zwar ist hier direkt eine Grundschule, dort haben aber über 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, und fast 80 Prozent kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Denn die bildungsorientierten und oft deutschen Bewohner des Platzes schicken ihre Kinder auf ganz andere Schulen.“

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