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Missdeutung der Silvesternacht : Mythos Köln

Wohlfeile Assoziation: Giovanni Bolognas „Raub der Sabinerinnen“ aus dem Jahr 1579 Bild: Picture-Alliance

Die Silvesternacht als „Angstszenario“ und „Mythos“? In einem Interview setzt eine Literaturwissenschaftlerin Assoziationsketten in Gang, als wäre „Köln“ ein literarisches Phänomen. Sie geht in eine selbstgestellte Falle.

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          Es ist Karneval, nicht nur in Köln, sondern auch in der Diskussion um die massenhafte Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht. Einen Monat nach den Überfällen liegt sie für manche offenbar schon so weit zurück, dass sie diskursiv dem Reich des Mythischen angehört. Etwa für die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vor dem Hintergrund der Weiberfastnacht, die dieses Jahr, aus Sorge vor Übergriffen und Terroranschlägen, einen Straßenkarneval der verschärften Sicherheitsvorkehrungen eröffnet, wollte der Deutschlandfunk von ihr wissen: Hat die Silvesternacht Deutschland verändert? Barbara Vinken, die an der Universität München lehrt, antwortete: „Nicht insofern, als es tatsächlich zu mehr Gewalt oder zu einer anderen Form von Gewalt kam und diese schon gar nicht von Flüchtlingen ausging“ – womit sie die Tatsache beiseite wischte, dass inzwischen mehr als tausend Anzeigen bei der Kölner Staatsanwaltschaft eingegangen sind, knapp die Hälfte Sexualdelikte betreffend, und unter den bisher ermittelten rund vierzig tatverdächtigen jungen Männern vorwiegend aus dem nordafrikanischen Raum mindestens jeder Vierte einen Asylantrag gestellt hat.

          Eine selbstgestellte Falle

          Da gilt es, genau hinzuschauen und zu differenzieren, aber aus der Welt der Tatsachen sprang Barbara Vinken umgehend auf die Metaebene und redete über die Silvesternacht als „Angstszenario“ und „Mythos“: „unsere deutschen, milchweißen Frauen und fremde, dunkle Männer“. Sie erinnere das an den Raub der Sabinerinnen und die inszenierte Vergewaltigung in Kleists „Hermannsschlacht“, die dazu führen sollte „dass der Hass durch das Land braust und die Fremden vertrieben werden“: ein patriarchales, fremdenfeindliches, misogynes Szenario.

          Nur: Die Angriffe der Silvesternacht waren kein Szenario im Sinne einer theatralen Fiktion und kein Mythos, der per definitionem nicht Wahrheit ist. Sie sind tatsächlich geschehen. Und Barbara Vinken lief mit ihren Einlassungen in eine selbstgestellte Falle. Aus Furcht, durch den Blick auf die Ereignisse Rechtsextremen eine Vorlage zur Diffamierung aller Fremden zu liefern, beklagte sie die vermeintliche Vereinnahmung von „Köln“ durch die Falschen und setzte rezeptionsästhetische Assoziationsketten in Gang, als ginge es um ein literarisches Phänomen.

          Slavoj Žižek, der im „Spiegel“ die Überfälle der Silvesternacht in Anlehnung an Bachtins Literaturtheorie als „Karneval der Underdogs“ beschreibt – eine Deutung, die man teilen mag oder nicht –, hat versucht, seine Thesen argumentativ eng an das Ereignis zu binden. Die Bewegung weg von den Tatsachen dagegen lässt sich paradigmatisch in der #ausnahmslos-Kampagne der Netzfeministinnen ausmachen, die Köln zum Symbol für sexuelle Gewalt im Allgemeinen erheben wollten. Noch weiter gingen Dagmar Dehmer und Andrea Dernbach im „Tagesspiegel“, als sie die Übergriffe als „symbolisches ,Gespräch‘ unter Männern“ deuteten, auf das ältere weiße Männer mit „Urangst“ reagierten und fremdenfeindliche Frauen in Köln mit falschen Anzeigen. Da wurde aus dem Sprachspiel schon Unterstellung. Es mag Karneval in Köln sein. Aber die Silvesternacht ist weder eine Vorlage für postmoderne Signifikantenflucht noch für sprachliche Maskeraden.

          Köln : Wie ein Flüchtling die Silvesternacht erlebt hat

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