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Sexueller Missbrauch : Die verschleppte Schande

Ein Schatten, der für immer bleibt: Kann es für Opfer sexuellen Missbrauchs eine Wiedergutmachung geben? Bild: dpa

Jahrelang vermittelte ein Berliner Jugendamt Kinder an einen pädokriminellen Pflegevater. Nun wollen zwei Betroffene das Land Berlin auf Schmerzensgeld verklagen. Doch Bezirk und Senatsverwaltung stellen sich quer.

          9 Min.

          Da war diese Hütte, irgendwo in Brandenburg. Marco* erinnert sich. Er steht auf und verlässt das Wohnzimmer. Wenig später kommt er mit zwei Fotos zurück. Ein Drecksloch sei das gewesen, sagt er und zeigt auf das Foto, das eine verwahrloste Terrasse mit Gerümpel abbildet. „Wir hatten da nicht mal eine Toilette“, erzählt Marco, „wenn wir aufs Klo mussten, mussten wir uns ein Loch im Boden buddeln.“ Sven* senkt den Kopf und starrt auf den Tisch. Er hat große dunkle Augen. Wenn er spricht, entschuldigt er sich oft. Immer wieder geht sein Blick nach innen, als nähme er das, was ihn gerade umgibt, nicht wahr.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die Hütte gehörte ihrem Pflegevater. Manchmal fuhren sie dorthin, einfach so. Gewohnt haben sie in Berlin, ganz in der Nähe der kleinen Wohnung in Steglitz, in der Marco jetzt lebt. Die Wohnung ihres Pflegevaters war riesengroß, erzählen Sven und Marco, an die 190 Quadratmeter. Jeder hatte ein eigenes Zimmer und konnte sich zurückziehen, so gut es ging. Beide Kinder sind von ihrem Pflegevater jahrelang sexuell missbraucht worden. Sie mussten zu ihm ins Schlafzimmer gehen, einzeln, manchmal suchte er sie in ihren Zimmern auf. „Es begann spielerisch“, sagt Sven. Doch dann wurde er gewalttätig, schlug die Kinder, zwang sie zu sexuellen Berührungen, vergewaltigte sie. Als das anfing, war Marco sieben Jahre alt. Geredet haben die beiden Pflegekinder nie darüber. Sven schüttelt den Kopf: „Man tut, was man tun muss, und dann macht man einfach weiter.“

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