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Proteste in Bukarest : Wir sind schuld, dass Europa wankt

  • -Aktualisiert am

Mircea Cărtărescu auf den Straßen von Bukarest Bild: privat

Es ist kalt, Bukarest versinkt im Chaos, und wir werden nicht aufhören, gegen die Umwandlung Rumäniens in eine Demokratur zu demonstrieren. Ein Gastbeitrag.

          Ich bezweifele keinesfalls die Erderwärmung, aber in diesem Jahr haben wir es in Rumänien mit einem sehr strengen Winter zu tun. Das Land ist zugeschneit, seit Wochen schon verharrt das Thermometer unter null Grad, der Schneesturm türmt den Schnee übermannshoch auf, der Verkehr versinkt im Chaos, die Parkplätze sind zugeschneit. Und in dieser weißen Apokalypse steht uns nun der Sinn nach Demonstrationen. Zu Tausenden, Hunderttausenden stehen wir stundenlang herum, treten wir, gekleidet wie Südpolforscher, auf der Stelle, wärmen uns auf mit Tee aus Thermoskannen und rufen unsere Losungen, singen und schwenken die Fahnen Rumäniens und der Europäischen Union.

          Beim Anblick der Plakate all der Laienkünstler, wahrer Genies, die uns die Herren des Landes in den lächerlichsten Posen vorführen, lachen wir Tränen, die uns sogleich über den Wangen gefrieren. Ja, es ist schrecklich kalt, aber wir halten durch, und von nun an ist der Widerstand, der echte, der moralische, der unserer Werte und Prinzipien, die uns menschliche Wesen sein lassen, unser Rückgrat. Wir protestieren vor allem, damit wir uns beim Blick in den Spiegel auch in die Augen schauen können.

          Wir selbst tragen die gesamte Schuld

          Vaclav Havel hat von der Macht der Ohnmächtigen gesprochen. Davon ist auch im heutigen Rumänien die Rede. Wir versammeln uns zu Hunderttausenden auf Straßen und Plätzen, damit wir unsere Macht ausüben können gegen die Angst, gegen die Kälte, gegen die menschliche Gemeinheit, gegen die organisierte Korruption, gegen die Verachtung und Arroganz. Um aufzuzeigen, dass die Politik ethisch zu sein hat und zum Nutzen der Menschen.

          Wir durchleben elende Zeiten, und es gibt niemanden, dem man dafür die Schuld zuweisen könnte, denn wir selbst tragen die gesamte Schuld. Wir sind schuld daran, dass Europa heute so aussieht wie Rimbauds trunkenes Schiff. Wir sind schuld am Brexit, wir werden den Frexit zu verantworten haben, aus unserer Schuld sterben Menschen auf der Flucht vor dem Krieg an unseren mauerbewehrten Grenzen.

          Eine Woche lang im Schneetreiben vor dem Rathaus

          Es ist unser aller Schuld, tatenlos mitanzusehen, wie alles von einem Tag auf den nächsten ruiniert wird, als ginge uns das Herannahen der Katastrophe nichts an, als beträfe sie andere. Wenn die Politik unser Leben, unsere Würde und unsere Zukunft nicht mehr zu beschützen vermag, bleibt uns stets noch der bürgerliche Protest. Wenn die Parteien unfähig sind, können wenigstens wir selbst, die Menschen, auf die Straße gehen. Weder Trump noch Putin werden Europa zerstören, sondern allein unser nicht vorhandener Enthusiasmus, die fehlenden Ideale und Werte.

          Wir befinden uns auf den Straßen und Plätzen der rumänischen Städte, weil es uns etwas angeht. Weil uns nicht fremd ist, was da geschieht. Weil wir nicht nur alle vier Jahre mal Bürger sein wollen. In der vergangenen Woche sind Hunderttausende im Zentrum von Bukarest auf die Straße gegangen - und im Städtchen Odobeşti ein einziger Mann. Jener Mann, der einfachste Mensch auf der Welt, stand eine Woche lang mit einer Plakattafel in der Hand bei Schneetreiben und Wind und minus zehn Grad vor dem Rathaus und zeigte damit, dass es ihn etwas angeht. Ich kenne zurzeit keinen, den ich mehr bewundere.

          So sieht das Land aus, in dem wir leben müssen

          Die Menschen protestieren gegen die Umwandlung Rumäniens in eine widerwärtige Demokratur, die Verbindung von oberflächlicher Demokratie mit tiefer, untergründiger Diktatur. Die Herren dieses Landes, das Mitglied der Europäischen Union wie der Nato ist, begnügen sich nicht damit, seine Ressourcen in ihre eigenen Taschen zu lenken, sie zerren das Land auch in jene Grauzone, in der sich ohne Zukunftsaussichten schon die Ukraine, Weißrussland und Moldawien tummeln.

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          Ich spreche hier stets von den Herren des Landes und nicht von den Regierenden, weil Regierende der Gemeinschaft zu dienen haben, während diejenigen, die uns heute führen, sich wie Feudalherren benehmen. Die Gesetze werden für sie selbst gemacht. Die Justiz wird frontal angegriffen, zynisch und menschenverachtend. Der Chef der größten rumänischen Partei konnte nicht Premierminister werden, weil er ein Strafverfahren am Hals hat. Ein Drittel der Parlamentarier hat Probleme mit der Justiz. Viele der Minister haben die gleichen Probleme. Die Verordnung, die sie vor dem Gefängnis bewahren sollte, ist um Mitternacht erlassen worden, diebisch, ohne vorangegangene Diskussion und ohne die nötigen Beschlüsse. So sieht das Land aus, in dem wir leben müssen.

          Wir rufen höchst ironische Slogans

          Wir sind mit unseren Kindern zu den Protesten gegangen, denn schließlich protestieren wir für sie. Wir haben in Diktaturen und im Elend gelebt, hatten niemanden, der uns Widerstand und Würde gelehrt hätte. Sie lernen dies jetzt zusammen mit uns, an unserer Seite. Ein Mann, der jeden Tag auf der Piaţa Victoriei war, hatte ein Schild dabei, auf dem stand: „Ich habe keine Kinder. Ich bin für eure Kinder hier.“

          Wir werden auf die Straße gehen, bis wir eine wirkliche Demokratie haben, eine unabhängige Justiz, einen funktionierenden Rechtsstaat. Die Verordnung ist zurückgenommen worden. Der gestellte Dieb hat das Diebesgut zurückgegeben und möchte sich nun frei davonmachen. Dabei fällt es ihm gar nicht ein, sich zu entschuldigen, im Gegenteil, er verfolgt nun den, der ihn gestellt hat: Gegen den allein Protestierenden in Odobeşti hat das dortige Rathaus Anzeige erstattet.

          Wir versammeln uns jeden Abend in jeder rumänischen Stadt, bei Dunkelheit und Frost. Wir stehen in Kreisen beisammen und trinken heißen Tee aus Thermoskannen. Wir rufen höchst ironische Slogans. Wir können nicht hoffen, die zu stürzen, die uns unterdrücken und ausplündern. Auch können wir nicht hoffen, diesem Dreck sauber zu entkommen. Wir hoffen nicht auf eine Hilfe aus dem Inneren des Landes oder von auswärts. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen, auf unsere, die Macht der Ohnmächtigen. Wir möchten uns als Volk und als Bürger neu erfinden. Wir möchten uns beim Blick in den Spiegel in die Augen schauen können, ohne uns dabei schämen zu müssen.

          Und wenn wir das können, könnt ihr es auch.

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