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Proteste in Bukarest : Wir sind schuld, dass Europa wankt

  • -Aktualisiert am

So sieht das Land aus, in dem wir leben müssen

Die Menschen protestieren gegen die Umwandlung Rumäniens in eine widerwärtige Demokratur, die Verbindung von oberflächlicher Demokratie mit tiefer, untergründiger Diktatur. Die Herren dieses Landes, das Mitglied der Europäischen Union wie der Nato ist, begnügen sich nicht damit, seine Ressourcen in ihre eigenen Taschen zu lenken, sie zerren das Land auch in jene Grauzone, in der sich ohne Zukunftsaussichten schon die Ukraine, Weißrussland und Moldawien tummeln.

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Ich spreche hier stets von den Herren des Landes und nicht von den Regierenden, weil Regierende der Gemeinschaft zu dienen haben, während diejenigen, die uns heute führen, sich wie Feudalherren benehmen. Die Gesetze werden für sie selbst gemacht. Die Justiz wird frontal angegriffen, zynisch und menschenverachtend. Der Chef der größten rumänischen Partei konnte nicht Premierminister werden, weil er ein Strafverfahren am Hals hat. Ein Drittel der Parlamentarier hat Probleme mit der Justiz. Viele der Minister haben die gleichen Probleme. Die Verordnung, die sie vor dem Gefängnis bewahren sollte, ist um Mitternacht erlassen worden, diebisch, ohne vorangegangene Diskussion und ohne die nötigen Beschlüsse. So sieht das Land aus, in dem wir leben müssen.

Wir rufen höchst ironische Slogans

Wir sind mit unseren Kindern zu den Protesten gegangen, denn schließlich protestieren wir für sie. Wir haben in Diktaturen und im Elend gelebt, hatten niemanden, der uns Widerstand und Würde gelehrt hätte. Sie lernen dies jetzt zusammen mit uns, an unserer Seite. Ein Mann, der jeden Tag auf der Piaţa Victoriei war, hatte ein Schild dabei, auf dem stand: „Ich habe keine Kinder. Ich bin für eure Kinder hier.“

Wir werden auf die Straße gehen, bis wir eine wirkliche Demokratie haben, eine unabhängige Justiz, einen funktionierenden Rechtsstaat. Die Verordnung ist zurückgenommen worden. Der gestellte Dieb hat das Diebesgut zurückgegeben und möchte sich nun frei davonmachen. Dabei fällt es ihm gar nicht ein, sich zu entschuldigen, im Gegenteil, er verfolgt nun den, der ihn gestellt hat: Gegen den allein Protestierenden in Odobeşti hat das dortige Rathaus Anzeige erstattet.

Wir versammeln uns jeden Abend in jeder rumänischen Stadt, bei Dunkelheit und Frost. Wir stehen in Kreisen beisammen und trinken heißen Tee aus Thermoskannen. Wir rufen höchst ironische Slogans. Wir können nicht hoffen, die zu stürzen, die uns unterdrücken und ausplündern. Auch können wir nicht hoffen, diesem Dreck sauber zu entkommen. Wir hoffen nicht auf eine Hilfe aus dem Inneren des Landes oder von auswärts. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen, auf unsere, die Macht der Ohnmächtigen. Wir möchten uns als Volk und als Bürger neu erfinden. Wir möchten uns beim Blick in den Spiegel in die Augen schauen können, ohne uns dabei schämen zu müssen.

Und wenn wir das können, könnt ihr es auch.

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