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Ministerin Machiavella : Die ungeheuerliche Tat der Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyen neben Angela Merkel: Machtgerangel? Bild: AFP

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen soll getrickst, gar erpresst haben? Das eigentlich Ungewöhnliche ist nur, dass eine Frau so handelt, wie es jedem Mann als Ausweis seines Machtbewusstseins angerechnet würde.

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          Sobald Männer- und Frauenfragen berührt sind, nehmen die Empfindlichkeiten stark zu. Sachlichkeit scheint kaum mehr erreichbar. Bei Entscheidungen über Kinderbetreuung oder Familienbesteuerung stehen angeblich immer gleich ganze Lebensentwürfe in Frage. Sie werden diskutiert, als spräche der Wohlfahrtsstaat mit jedem Euro, den er in die eine, aber nicht gleich auch in die andere Richtung verteilt, eine Missbilligung aus. Jede Lebensform verlangt „Anerkennung“, meint damit aber nicht nur, dass man sie gewähren lässt, sondern Auszahlungen in Gestalt von Rechtekatalogen und Transfers. Weil die anderen ja auch ...

          Oder es müssen bei jeder gegenwärtigen Entscheidung immer gleich riesige Geschichtsschulden berücksichtigt werden, die seit den Neandertalern aufgelaufen sind. Wenn man die Geschichte als Prozess sieht, sind sie ja auch tatsächlich aufgelaufen. Doch diese Sicht lenkt erkennbar historisches Unrecht auf die Mühlen gegenwärtiger Interessen, so, als bildeten sie eine Erbengemeinschaft, sie führt schnell zu Kollektivhaftung und dazu, dass der Ausgleich für zigtausend Jahre Ungerechtigkeit gegen Frauen, wenn er sofort erfolgen soll, zur selben Unsachlichkeit der Entscheidungen führt, die nur eben jetzt „mal die anderen“ betrifft, was man hinnehmbar finden kann. Alles, woran Männer und Frauen beteiligt sind, wird so daraufhin beobachtet, dass Männer und Frauen beteiligt sind, auch wenn völlig unklar ist, ob die Beteiligten als Männer und Frauen handeln.

          Mangelnde Geschäftsordnungskenntnis

          Soeben wird dieses Beobachtungsspiel wieder aufgeführt. Was ist geschehen? Soweit man den Berichten glauben darf, dies: Die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat ihre Position in der Quotenfrage zwar nicht durchgesetzt, sich aber ihre politische Mitmachbereitschaft beim Mainstream ihrer Fraktion bezahlen lassen. Sie tauschte ihre Zustimmung zu etwas, das ihr gegen den Strich geht, für einen Satz im CDU-Wahlprogramm.

          Auf diesen Tausch ließen sich ihre innerparteilichen Kontrahenten erstens ein, weil sie nicht klug genug waren, um zu erkennen, dass sie es gar nicht so weit hätten kommen lassen müssen. Mangelnde Geschäftsordnungskenntnis - peinlich für den, dem sie mangelt. Ob man aber die eigene Dummheit dem anderen empört als „Trick“ auf die moralische Rechnung setzen kann, hängt davon ab, für wie moralisch man den durchschnittlichen Umgang von Parteifreunden miteinander halten will.

          Schlange im Unterschied wozu?

          Und zweitens ist Ursula von der Leyen im Besitz von etwas, das es ihr erlaubte, andere in diesen Tausch zu zwingen: Sie hat Macht. Sie hat sie, weil sie in manchen Kreisen so beliebt ist wie in anderen unbeliebt, nämlich sehr. Die aber, die sie sehr schätzen, würden im Zweifel auch anderes als die CDU wählen, während viele derjenigen, denen sie ein Dorn im Auge ist, vermutlich zähneknirschend bei der christdemokratischen Stange bleiben. So zähneknirschend wie jetzt Volker Kauder und die Seinen, q.e.d. Also, könnte man laienhaft formulieren, hängen an von der Leyen und mancher ihrer Positionen „Grenzwähler“, solche, die man den anderen Parteien wegnimmt und die darum mitunter doppelt zählen.

          Zusammen mit von der Leyens Bereitschaft, dieses Ansehen und diese Macht in die Waagschale der Quotenkontroverse zu werfen, und zusammen mit ihrem - vor allem im Vergleich zu Kauder et tutti quanti - großen Geschick, das alles auch vor Kameras gut zu vertreten, ist das eigentlich ganz normal. Wir nennen es Politik, und das übersetzt man nicht mit: ohne Tricks, bei Offenlegung aller Absichten und unter Hinweis der Gegenseite auf ihre Möglichkeiten glauben, dass einem Bravheit entgolten wird. Nichts an dem, was von der Leyen tat, ist ungewöhnlich. Nur sie selbst ist es, ungewöhnlich durchsetzungsfähig und wach.

          Weswegen jetzt ein ungeheures Wortgewitter losbrach, sie habe ihre Partei, die Kanzlerin gar erpresst (lies: erfolgreich verhandelt). Sie habe getrickst (sich besser ausgekannt). So etwas habe es so noch nie gegeben (alles hat es so noch nicht gegeben, aber so ähnlich eben doch). Das dürfe sich nicht wiederholen (das wird sich - siehe unter „so ähnlich“ - noch oft wiederholen). Die Kanzlerin sei geschwächt (Kauder ist geschwächt). Oder selbst - von Frau zu Frau - Teil der Verabredung? Von der Leyen jedenfalls habe damit Ansprüche auf die Kanzlernachfolge angemeldet (sagt mir jetzt nicht, Jungs, dass ihr das gerade erst gemerkt habt?).

          Kurz: Das eigentlich Ungewöhnliche am ganzen Vorgang ist nur, dass eine Frau so handelt, wie es jedem Mann als Ausweis seines Machtbewusstseins angerechnet würde. Man muss sie nicht mögen, man muss nicht für richtig halten, was sie vertritt. Aber sie nur deshalb als Schlange darzustellen, weil es nicht gut möglich ist, sie als „Mädchen“ oder „Mutti“ zu bezeichnen, ist armselig und ziemlich durchsichtig. Schlange im Unterschied wozu denn? Zu all den gemeinwohlorientierten Haustieren ohne Arg und Trug, von denen wir ansonsten regiert werden? Die Macht wird nicht schöner oder besser dadurch, dass sie eine, diese Frau hat. Aber sie wird auch nicht gefährlicher dadurch.

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