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Mind Control : Ferngesteuert von Walt Disney

Gehirnwäsche vom Feinsten: „The Manchurian Candidate” Bild: AP

Verschwörungstheorien sind mit Vorsicht zu genießen - auch in der Literatur. Wenn die Regierung ins Gehirn greift: Mythos und Wahrheit der „Mind Control“.

          6 Min.

          Zumindest die Schwanzspitze des Lindwurms ist inzwischen aktenkundig: Ja, es hat tatsächlich amerikanische Versuche gegeben, in die Köpfe der Menschen hineinzuregieren. Das fing an mit dem „Project Chatter“ der U.S. Navy ab 1947, als Marinegeheimdienstler der Vereinigten Staaten Nazi-Experimente mit Wahrheitsserum und bewußtseinsverändernden, psychotomimetischen Drogen fortsetzten. Seinen Höhepunkt erreichte dieser militärpsychologische Forschungszweig mit den „MK/Ultra“-Versuchen, bei denen die CIA ab 1953 an unwissenden und also nicht einwilligungsfähigen Opfern die Wirkung von Chemie und Elektromagnetismus aufs Denken ausprobierte.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwar sind Verschwörungstheorien, denen zufolge zahlreiche Soziopathen, Attentäter und Serienmörder von Charles Manson bis Lee Harvey Oswald und dem „Unabomber“ Ted Kaczynski aus einschlägigen Labors entlaufen sind, ebenso mit Vorsicht zu genießen wie die immer umfangreicher werdende Literatur darüber, daß gigantische, teils im Bau befindliche, teils bereits vorhandene Sendeanlagen in Alaska und anderswo, die auf Frequenzen strahlen, wie sie das Hirn zum Funktionieren nutzt, mentale Prozesse bei Feinden ebenso wie Bürgern der Vereinigten Staaten stören oder lenken könnten. Daß vom dortigen militärisch-industriellen Komplex aber das, was in solcher Literatur „Mind Control“ heißt, zumindest angestrebt wurde und wird, mit freilich stark schwankenden Erfolgen, glaubt man gern - man sieht solche Wünsche dem Staat mit der avanciertesten Waffentechnologie der Menschheitsgeschichte geradezu an den Pinocchio-Nasenspitzen an, die seine Vertreter zur Schau stellen, wenn sie derartiges dementieren.

          Produkte aus dem Unterholz der Paranoia

          Mindestens einmal ist aus dem Zusammenhang bekannter Versuche und verheimlichter Verbrechen sogar große Literatur geworden - Norman Mailers „Harlot's Ghost“ aus dem Jahr 1991, ein Roman über praktisch alle überhaupt erzähltauglichen Umtriebe sämtlicher geheimer amerikanischer Dienste während der letzten drei Generationen, behandelt die „Mind Control“-Hexenküchen von „MK/Ultra“ und Konsorten auf die einzige konspirationstheoretisch unbeschlagenen Köpfen angemessene Weise: Als suppiges, diffuses, stark übelriechendes Gerücht, von dem nur hin und wieder ein paar Kleckser Tatsachenbefund auf die weißen Westen der Staatsschützer spritzen.

          Der Massenmörder Charles Manson bei seinem Prozeß 1970

          „The Trance Formation of America“ ist keine große Literatur; ganz im Gegenteil. Das rund 250 Seiten starke Bändchen gibt vor, der interessierten Öffentlichkeit zwei umfangreiche Dokumente über MK/Ultra und die Folgen zur Verfügung zu stellen. Dieses seltsame Buch hat in den zehn Jahren seit seinem Erscheinen zahlreiche Nachahmerprodukte aus dem Unterholz der Paranoia auf den Buchmarkt gerufen und stolze 13 Auflagen erlebt. Die Doppelautorschaft von „Trance Formation“ teilen sich Cathy O'Brien, die behauptet, Überlebende eines Mind-Control-Joint-ventures mehrerer Nachrichtendienste zu sein, und ihr Geliebter Mark Philips, der sie mittels Zuwendung, gezielter Befragung, Hypnosesitzungen in Heimarbeit und allerlei Fachwissen, das er als Geschäftsmann mit Geheimdienstkontakten erworben haben will, aus dem geistigen Gefängnis befreit zu haben behauptet.

          Lustige syntaktische Bocksprünge

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