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Minarettstreit : Ein Bärendienst für Europas Muslime

Unser Selbstverständnis ist nicht gefeit gegen „Alltagserfahrungen”: Norbert Lammert Bild: ddp

Konzentrierte Wahrnehmungsschwäche: In Berlin diskutierte ein prominent besetztes Podium mit Navid Kermani, Adolf Muschg und Norbert Lammert über das Schweizer Minarett-Verbot. Doch klare Worte erhoffte man sich vergeblich.

          Man stelle sich vor, ein öffentliches Streitgespräch zwischen sechs Personen kommt ohne Umschweife zur Sache. Das Thema im Haus der Kulturen der Welt, das Schweizer Minarett-Verbot, war ja durchaus dazu angetan. Der Schweizer Publizist Frank A. Meyer, der es moderierte, ist zudem ein furchtloser Mann, der sich normalerweise nicht lange aufhält mit überflüssigen Floskeln. Er war gegen ein Minarett-Verbot, verteidigt aber das Abstimmungsergebnis als Demonstration kollektiven Unbehagens, worüber viel zu sagen wäre. Das aber ist schwer in Deutschland.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Der Schriftsteller Adolf Muschg jedenfalls wollte nicht als Erster in den Ring steigen, beklagte nur vage die Heuchelei der Verbots-Gegner, die nicht wahrhaben wollten, was offensichtlich gewesen sei: dass das Referendum ausgehen könnte, wie es ausgegangen ist. Der Orientalist Navid Kermani war weniger skrupulös. Das Minarett-Verbot, im Folgenden nur noch „dieser Sonntag“ genannt, sei ein Tabubruch, noch niemals sei in der europäischen Geschichte über Religionen verhandelt worden, und er hätte sich gewünscht, dass Politiker dagegen deutlicher vorgegangen wären. Wo über Grundrechte verhandelt werde, empörte sich Kermani, da gebe es bald keine mehr. Nicht die Muslime, sondern die Mehrheit habe an „diesem Sonntag“ Europas Werte verraten.

          Geht es gar nicht um die Frauen?

          Die Rechtsprofessorin Susanne Baer konnte Kermani beruhigen. Auch der Schweiz seien Grenzen gesetzt, durch das Völkerrecht. Perfide findet sie, wie in der Auseinandersetzung um den Islam die Frauenfrage instrumentalisiert werde. Ihrer Meinung nach geht es dabei gar nicht um die Frauen. Frau Baer muss es wissen, sie ist Sprecherin des „Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien“ an der Humboldt-Universität. Wäre sie Schweizerin, hätte ihre strikt realitätsferne Interpretation wahrscheinlich zu noch mehr Ja-Stimmen geführt.

          Norbert Lammert, Bundestagspräsident, attestiert Deutschland eine „andere Ausgangssituation“. Wie man sich die vorzustellen hat, blieb im Ungefähren, wie so vieles an diesem Abend. Frank A. Meyer versuchte sein Bestes, fragte, ob man nicht doch zum Thema, zum Islam, kommen wolle. Das Publikum klatschte. Aber es half nicht viel. Der Historiker Michael Wolffsohn warnte davor, berechtigte Ängste und Unbehagen einfach zu ignorieren, die Schweiz habe doch gezeigt, wohin es führe, wenn man um den heißen Brei herumrede. Norbert Lammert will immerhin schon erkannt haben, dass unser „Selbstverständnis“ offenbar nicht gefeit sei gegen „Alltagserfahrungen“. Stolz verweist er auf das Beispiel Duisburg-Marxloh, wo es doch ein erstaunliches Einvernehmen zum Moscheebau gegeben habe. Dass um die Großmoschee herum inzwischen eine recht homogene Bevölkerung lebt und vor allem wie, das ist dann schon kein Thema mehr für die Öffentlichkeit.

          Vernebelnde Rhetorik

          Als Wolffsohn daran erinnerte, welchen Bärendienst man säkularen Muslimen erweise, wenn man auch deren Angst vor Terror und Islamismus ignoriere, und dann auch noch Dissidentinnen wie Necla Kelek, Seyran Ates und Hirsi Ali rühmte, wurde es unruhig im Publikum. Applaus (durchsetzt mit einigen wenigen Buhrufen) bekam die Genderforscherin Baer, die Wolffsohn gleich in die Parade fuhr. Diese Frauen säßen ja auf allen Podien herum, gäben vor, für alle zu sprechen, und würden doch nur von „den Medien“ instrumentalisiert. Schließlich sei die Geschlechterfrage in allen Religionen ein Problem. Basta. Verwunschen versuchten die beiden Schweizer immer mal wieder auf den Punkt zu kommen, der die Mehrheit des Schweizervolkes zum vertrackten Ja gebracht hatte. Vergeblich.

          An diesem Abend hatte Navid Kermani das Diktat der zu herrschenden Meinung übernommen. Er warnte vor all den Rechtspopulisten, die „unseren Konsens“ infrage stellten, darüber solle man endlich reden, nicht über den Islam. Das war dann doch die vernebelnde Rhetorik, die zu solchen Abstimmungsergebnissen führt.

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