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Nach Cambridge Analytica : Geplatzte Filterblase

Am Pranger: Mit dem Hashtag „#DeleteFacebook“ will Whatsapp-Mitgründer Brian Acton nun Menschen dazu bewegen, Facebook zu zu verlassen. Bild: dpa

Die Firma Cambridge Analytica hatte Zugriff auf die Daten von fünfzig Millionen Facebook-Nutzern und nutzte diese für den Wahlkampf von Donald Trump. Nun steht das Netzwerk am Pranger: Doch warum eigentlich erst jetzt?

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          Das ist wirklich eine Pointe: Brian Acton will Facebook löschen. Beziehungsweise ruft er dazu auf, Facebook zu verlassen. Er hat sich der Bewegung angeschlossen, die sich bei Twitter zurzeit unter dem Hashtag „#DeleteFacebook“ versammelt. Der Milliardär Acton kann es sich leisten. Er hat den Kurznachrichtendienst Whatsapp mitgegründet und diesen 2014 für neunzehn Milliarden Dollar an Facebook verkauft. Seinen ganz persönlichen Schnitt mit dem obszönen Datenhandel hat Mr. Acton also längst gemacht, für den Facebook plötzlich am Pranger steht. Der Mann ist fein raus und liegt beim Pharisäerrennen ganz vorn.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Jetzt, da herausgekommen ist, wie die Firma Cambridge Analytica Zugriff auf die Daten von fünfzig Millionen Facebook-Nutzern bekam und diese für den Wahlkampf von Donald Trump nutzte, merken plötzlich alle, wo bei Facebook der Hase im Pfeffer liegt. Das britische Unterhaus will den Facebook-Chef Mark Zuckerberg einvernehmen. Die deutsche Justizministerin Katarina Barley meint, Facebook müsse erklären, „wie es die Privatsphäre seiner Nutzerinnen und Nutzer künftig besser schützt“, und zeigt sich entsetzt, dass Nutzer „gezielt mit Trump-Werbung oder Hassbotschaften gegen Hillary Clinton bombardiert wurden“. Politiker aller Länder und Couleur rufen nach Regulierung. Der Aktienkurs des Konzerns fällt (wenn auch moderat), Aktionäre reichen Klagen gegen Facebook ein, und so mancher sieht die Digitalblase schon platzen und die Macht der großen Netzkonzerne schwinden.

          Aus „Big Tech“ wird „Bad Tech“

          Aus „Big Tech“ wird „Bad Tech“. Der Bundespräsident setzt sich an die Spitze der Besorgniswelle und beklagt, dass die großen Plattformen es möglich machten, „dass Falschinformationen und Verschwörungstheorien heute in Windeseile verbreitet und massenhaft ,geteilt‘ werden“. Es seien „Parallelwelten entstanden“, in denen sich Gleichgesinnte träfen „und alles ausgeblendet wird, was der eigenen Sichtweise widerspricht“. Facebook wiederum sieht sich als Opfer – der Praktiken, mit denen der mittlerweile geschasste Chef von Cambridge Analytica, Alexander Nix, vor aller Augen schon seit langem angegeben hatte.

          Doch in welchem Paralleluniversum mögen sich die auf einmal so zahlreichen Kritiker bislang aufgehalten haben? Facebook hat die Daten seiner Nutzer, anders als Frau Barley vielleicht denkt, noch nie geschützt, es hat sie gesammelt, ausgewertet und verkauft. Es hat sie an Dritte weitergegeben und diesen zur Auswertung überlassen, inklusive der Daten der Freunde von Facebook-Nutzern. Das ist das Prinzip des Geschäfts, mit dem Facebook im vergangenen Jahr einen Umsatz von mehr als vierzig Milliarden Dollar und einen Gewinn von knapp sechzehn Milliarden Dollar erwirtschaftet hat. Ist das bislang nicht aufgefallen? Hat irgendjemand wirklich den Erlöserformeln, mit denen Mark Zuckerberg um die Welt reist, geglaubt?

          Und wieso ist die Verwunderung über Cambridge Analytica so groß? Dass diese Firma ganz selbstverständlich mit Facebook-Daten hantierte, dass Mitarbeiter dieser Firma und von Facebook beim „Project Alamo“ mitwirkten, der digitalen Wahlkampagne von Donald Trump, hat deren Chefin Theresa Moore Hong schon im vergangenen Jahr ganz offen bekannt. Einen Reporter der BBC hat sie sogar durch die ehemaligen Büros in San Antonio geführt und ihm gezeigt, wer wo seinen Schreibtisch hatte und wie das mit dem „Micro-Targeting“ der Wähler funktionierte – der gezielten Ansprache von Amerikanern mit jeweils auf sie zugeschnittenen Werbebotschaften, um sie für Trump zu gewinnen. Ihre Quintessenz lautete: „Ohne Facebook hätten wir nicht gewonnen.“ Die Demokraten bedienten sich im Wahlkampf, wie man längst wissen kann, übrigens ganz ähnlicher Mittel, nur warf ihre algorithmische Wählerausforschung miserable Ergebnisse aus.

          Der Fehler freilich liegt nicht in diesem System, das System Facebook selbst ist der Fehler. Jeder, der glaubt, er könne bei Facebook publizieren und privat bleiben und werde nicht ausgelesen und ausgewertet, wirkt an diesem System und seinen unbegrenzten Möglichkeiten, zu tarnen und zu täuschen, mit. Zu dem System gehört der Konzern Facebook, der sich „social media“ nennt, in Wahrheit aber eine einzige Werbetrommel ist, in die alles hineingerührt werden kann. Zum System gehört Amazon, das Waren und Dienstleistungen in Windeseile um den Preis eines weltumspannenden Monopols verfügbar macht. Dazu gehört auch Google, das jedem auf der Suche nach Erkenntnis andere, ebenfalls persönlich ausgerechnete Ergebnisse auswirft. Und zum System gehört der Konzern Twitter, der sich Kurznachrichtendienst nennt, aber vor allem als Shitstorm-Schnellschussanlage funktioniert und Leuten mit vielen Followern große Macht verleiht.

          Wer denkt, nun sei der „Schuldige“ für Trumps Wahlsieg gefunden und das Ende aller „Hassbotschaften“ oder Fake News nahe, sollte sich vielleicht auch einmal in seiner eigenen Filterblase umsehen. Mark Zuckerberg hat sich nach langem Schweigen nun endlich zu den Vorwürfen wegen Cambridge Analytica geäußert. Und mit einem Tweet von Trump dürfte eigentlich postwendend zu rechnen sein.

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