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Milizen in Russland : Die Unsicherheitsholding

Balaschika, September 2007: Soldat des Innenministeriums während einer Übung Bild: AFP

In Russland triumphiert das Milizsystem: Die Polizei hat das Land unter sich aufgeteilt. Sie kontrolliert die Wirtschaft. Sie kassiert Gebühr für Freilassungen. Sie schmiert, erpresst, foltert und tötet und deformiert so eine ganze Gesellschaft.

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          Die Umkehrung der Blase ist der Staubsauger. Die russischen Ordnungskräfte, die mit ihrem staatlichen Gewaltmonopol und der pyramidalen Geschäftsstruktur die Wirtschaft fest umarmt halten, blecken immer tückischer die Zähne. Das kann ganz freundlich aussehen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das heruntergekommene vorrevolutionäre Mietshaus, das das Puschkin-Museum teilweise an Firmen verpachtet, hat, der hier lagernden Museumsschätze wegen, einen Milizposten am Eingangsdrehkreuz. Seit ein paar Wochen grüßt hier jeden Mitarbeiter und Besucher ein Porträt des Gründers der sowjetischen Geheimpolizei, Felix Dserschinski, womit die diensthabenden Polizisten die Rückwand ihrer Glaszelle geschmückt haben. Darunter steht zu lesen: „Dass Sie noch frei sind, ist nicht Ihr Verdienst, sondern unser Versäumnis!“ Dieser Dserschinski zugeschriebene Ausspruch formuliert die prinzipielle Schuldvermutung der Misstrauensgesellschaft, die sich durch Angst stabilisiert. In der Sowjetzeit wurde er zum geflügelten Wort. In der Krise, die auch die Tributeinnahmen der Ordnungshüter schmelzen lässt, wird er wieder oft zitiert. Das Bild sei ein Scherz, erklärt der nette Polizist, der heute vor Dserschinski sitzt. Er mag sich aber nicht mit ihm fotografieren lassen.

          Die „Menty“, wie die staatlichen Disziplinwächter als Kaste heißen, galten schon unter dem Zaren als Menschenschinder, im Unterschied zu den Kriminellen mit staatlicher Lizenz. Anders als die „Bullen“ steht der „Ment“ für einen Staat, der von seinem Land mehr verlangt, als es geben kann, und daher die Bevölkerung in Okkupanten und Okkupierte teilt. Zwar zog die Verbrechensbekämpfung immer auch Überzeugungstäter an: den Typus des „gerechten Ment“, der selbst Banditen Respekt abnötigt. Der moderne Kapitalismus filtert solche konsensstiftenden Figuren allerdings zusehends heraus. Heute ähnelt die russische Miliz einer landesweiten Holding, die die unterschiedlichen Landstücke verwerten darf. Die besten Erträge bringt natürlich Moskau. In der vielerorts versteppten Gesamtwirtschaft nimmt sich die Hauptstadt aus wie ein ökonomischer Regenwald. Laut der „New Times“ wirft der Moskauer Zentralbezirk im Jahr anderthalb bis zwei Milliarden Dollar ab.

          „Dass Sie noch frei sind, ist nicht Ihr Verdienst, sondern unser Versäumnis”: Plakat in einem Posten der Miliz in Moskau. Es zeigt Felix Dserschinski, den Gründer der Tscheka unter Lenin

          Verhaftungen für ein- bis zehntausend Dollar

          Die russische Dissensgesellschaft berechnet geringe offizielle Steuern. Das wird ausgeglichen durch informelle Direktsteuern, von denen diejenigen profitieren, die sie eintreiben - vom Brandschutz bis zur Seuchenpolizei. Auch für die Dienstleistungen der Polizei haben sich Preise eingependelt. Eine Verhaftung abzuwenden koste heute ein- bis zehntausend Dollar, verriet ein Moskauer Großgeschäftsmann der „New Times“. Ist man jedoch schon festgenommen, müsse man für seine Freilassung fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Dollar veranschlagen. Zieht die Strafsache erst einmal weitere Kreise, sind hundert- bis hundertfünfzigtausend Dollar fällig, um sie einstellen zu lassen. Kriminalinspektoren verdienen sich außerdem oft durch Handel mit Waffen, die sie Verbrechern abnehmen, ein Zubrot. Den Streifenpolizisten am unteren Ende der Pyramide obliegt es, Arbeitsmigranten und Kleinhändler abzuschöpfen.

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