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Milizen in Russland : Die Unsicherheitsholding

Beerdigungsagenten und „tote Seelen“

Die erst einundzwanzig Jahre alte Nachwuchskorrespondentin der „Nowaja gaseta“, Jelena Kostjutschenko, hat als Praktikantin eine Schicht auf einer Polizeistation am Moskauer Stadtrand zugebracht und eine Reportage darüber geschrieben. Sie schildert die hermetische Welt der „Menty“ wie der Verhaltensforscher eine interessante Tierart. Demnach zerfällt für die Milizionäre die Menschheit in die „Mitarbeiter“ diesseits der Frontlinie, denen man in jeder Lebenslage helfen muss, damit auch einem selbst geholfen werde, und die Störenfriede draußen. Zu denen gehören die „Bösewichter“ und deren Opfer, die mit einem verächtlichen Terminus aus der Kriminellensprache als „Terpila“ bezeichnet werden, gleichermaßen. Beide Gruppen machen den „Mitarbeitern“ das Leben schwer.

Die ökologische Nische der Miliz zieht jedoch auch Stammgäste an. Beispielsweise den Beerdigungsagenten, der bei jedem zu protokollierenden Todesfall mit in den Polizeiwagen springt. Oder junge Leute, die, um kleinere Straftaten abzuarbeiten, jede Zeugenaussage unterschreiben und bei den Gerichten als „tote Seelen“ geführt werden.

Es wird leicht gefährlich, von einer leitenden Funktion zurückzutreten

Die Bereitschaftspolizisten, die von der Journalistin begleitet werden, müssen den Tod einer trunksüchtigen Frau aufnehmen, die starb, während ihr Sohn im Nebenzimmer mit Kumpeln trank. Dann verhaften sie einen verwirrten alten Mann, der im Treppenhaus ein Kinderfahrrad gestohlen hat. Es folgt das Verhör eines Rauschgifthändlers, der in Handschellen und mit Prügelspuren auf der Station sitzt, wo er den Tag lang nichts essen und trinken und nicht auf die Toilette gehen durfte. Ein „Zeuge“, der den Mann offensichtlich zum ersten Mal sieht, gibt gehorsam zu Protokoll, er habe beobachtet, wie der „Bösewicht“ seinen Stoff verkaufte.

Es kommen aber auch Opfer, die die Kleinraubtiere der Milizstation nicht zu fürchten brauchen. Beispielsweise jene prachtvolle Blondine, die mit der Ruhe einer Würgeschlange, wie Jelena Kostjutschenko beeindruckt notiert, in den frühen Morgenstunden ihren Pass als gestohlen meldet. Sie ist die Managerin einer Gasprom-Tochter, die in zwei Tagen ins Ausland reisen muss. Um schnell einen neuen Pass zu organisieren, raten die Beamten ihr, den Moskauer Polizeichef Pronin auf seinem Handy anzurufen.

Echte Arbeit leisten von sieben Fahndern drei, verraten Mitarbeiterinnen der Praktikantin. Die übrigen trinken viel und sehen fern, am liebsten Krimiserien über die Miliz, die zeigen, dass die Beamten gezwungenermaßen ständig die Gesetze brechen. Der Chefkriminalist konsumiert vier Folgen der Fernsehserie „Menty“ hintereinander. Auch auf dieser Polizeistation träumen die Beamten, die in der „Nowaja gaseta“ sämtlich unter Pseudonym auftreten, von einer Stelle im Finanzamt. Ein schmuckbehängtes Mädchen hat offenbar Beziehungen und daher eine echte Chance auf einen solchen Posten. Der Chefkriminalist putzt sie schon mal herunter und droht ihr mit Entlassung. Er selbst wurde „Ment“, um der Armee zu entkommen. Längst habe er den Beruf wechseln wollen, gesteht er der Praktikantin. Die allzu eingeweihten Kriminalisten, die Verbrechen von „Mitarbeitern“ gedeckt und Beweise gefälscht haben, lässt man ungern gehen. Doch der Chefkriminalist versichert, er bleibe, weil die Jungs ihn bräuchten; nicht etwa weil er vor ihnen Angst habe. Allerdings kennzeichnet es die Misstrauensgesellschaft, dass es leicht gefährlich wird, von einer leitenden Funktion zurückzutreten.

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