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Milizen in Russland : Die Unsicherheitsholding

Auch der Kriminalpolizeichef des Südbezirks von Moskau, Denis Jewsjukow, der im April in einer durchzechten Nacht nach seinem zweiunddreißigsten Geburtstag im Supermarkt „Ostrow“ um sich schoss, dabei drei Menschen tötete und sechs verletzte, hatte eine Blitzkarriere gemacht. Sein Vorgesetzter Wladimir Pronin, der Leiter der Moskauer Innenbehörde, deckte ihn noch, als er in Untersuchungshaft saß. Er lobte Jewsjukow als „Mitarbeiter mit Zukunft“. Dabei sei der Kripochef in Fahndungsfragen eine Null gewesen, bezeugen seine früheren Kollegen. Doch die Firmen, Geschäfte und Kioske des Moskauer Südbezirks zahlten ihm Sondersteuern mit vielen Nullstellen. Jewsjukow, der als Jugendlicher Skinhead gewesen sein soll und viel trank, ließ Kriminalfälle einstellen, wenn Verwandte des Verdächtigten dafür aufkamen. Unliebsame Mitarbeiter soll er gefeuert und deren Posten „verkauft“, vor allem aber regelmäßig mit Geldumschlägen bei den Vorgesetzten Visite gemacht haben. Die Quellen der „New Times“ schätzen die Dividende des Südbezirks auf jährlich hundert bis zweihundert Millionen Dollar.

Aufklärungsraten rückläufig

Doch während die wirtschaftlichen Erträge der Miliz wuchsen, verkümmerten ihre polizeilichen Kompetenzen. Dazu trägt auch bei, dass die Arbeit der Ordnungshüter nach der Summe der gelösten Fälle bewertet wird. Die Beamten müssen, wenn sie nicht Prämien verlieren wollen, Planziffern erfüllen. Im vergangenen Monat beschwerten sich im zentrumsnahen Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja Polizisten über ihren neuen Chef, weil der von ihnen verlangte, pro Schicht mindestens sechzig Personen vorzuführen, die fehlerhafte Dokumente, aber auch genügend Geld hätten, um Strafe zu zahlen. Die Order ist zugleich ein Steckbrief des idealen Kunden.

Der russische Innenminister Raschid Nurgalijew versucht, die Krise herunterzureden. Dass die Lage ernst ist, merkt man daran, dass die Regierungszeitung „Rossijskaja gaseta“ mehrseitige Texte von Nurgalijew über den Dienst seiner Behörde am Bürger, ihre Offenheit, ihre Professionalisierung und Verjüngung druckt, deren wortreiches Vermeiden fassbarer Argumente mit den Textfluten der „Beweismaterialien“ im Chodorkowski-Fall konkurriert, die die Staatsanwälte derzeit im Gericht des Moskauer Stadtteils Chamowniki verlesen. Für das abgelaufene Jahr 2008 meldet der Minister 1,7 Millionen aufgeklärter Verbrechen, nur 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Dazu druckt die „Rossijskaja gaseta“ rührende Fotos von berittenen Polizisten neben einer lächelnden Frau mit Kinderwagen und einem Rettungshubschrauber auf grüner Wiese. Bei den aufgeklärten Schwerverbrechen, die Nurgalijew mit fast einer halben Million beziffert, ist der Rückgang größer: 8,3 Prozent.

Bei Kindern, Frauen und alten Männern genügt ein Schlag

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