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Milizen in Russland : Die Unsicherheitsholding

Um Polizeichef in einem Moskauer Distrikt zu werden, bedarf es außergewöhnlicher Zielstrebigkeit und Protektion. Das Vertrauen, das ein Kandidat in seinem Klan erweckt hat, kann sich auch in einem Kredit niederschlagen, womit der ihm den Eintrittspreis zu seinem Posten vorstreckt, weiß man bei der „Novaja gaseta“: Mehrere Autoren der Zeitung mussten ihre Aufklärungsarbeit in der politökonomischen Schamzone der Bonusversorgung bereits mit dem Leben bezahlen. Die prominentesten Opfer waren die Journalisten Juri Schtschekotschichin und Anna Politkowskaja (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Mord an Anna Politkowskaja). Im vergangenen Januar wurde Anastasia Baburowa, eine freie Mitarbeiterin der Zeitung, in Moskau ermordet. Zuletzt starb Natalja Estemirowa, die, weil sie für die Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“, aber auch in der „Nowaja gaseta“ über Menschenraub und öffentliche Hinrichtungen in Tschetschenien berichtete, am 15. Juli gekidnappt und erschossen wurde (siehe auch: Bestürzung nach Mord an Menschenrechtlerin Estemirowa).

Geblendet von der eigenen Allmacht

Einige Senkrechtstarter der Miliz haben unterdessen die Bodenhaftung verloren. In diesen Tagen erhielt der vormalige Chefexperte der Organisations- und Prüfungsabteilung beim Innenministerium, Polizeioberst Alexander Scharkow, seine Anklageschrift, die ihm vorhält, dem Generaldirektor des Finanzdienstleisters Fin-Service-Consulting 850.000 Dollar abgepresst zu haben. Scharkow soll dessen Manager gedroht haben, wenn er nicht zahle, stehe ihm ein Strafprozess bevor. Außerdem bekomme das Unternehmen konfisziertes Eigentum nicht wieder zurück. Geblendet von der eigenen Allmacht, wählte Scharkow als Treffpunkt für die Geldübergabe einen Platz in unmittelbarer Nähe des Innenministeriums und wurde dort dann in flagranti erwischt.

Der erst fünfunddreißig Jahre alte Chefexperte, der auf Adlerflügeln die Karriereleiter emporgeschwebt war, genießt offenbar extrem hohe Protektion. Mitarbeiter von Fin-Service-Consulting bezeugten, Scharkow habe die Höhe der geforderten Schmiergeldsumme damit begründet, dass sie für „ganz oben“ bestimmt sei. Tatsächlich würden Juniorchefs befördert, um die Rendite zu steigern, bestätigten Mitarbeiter des behördeninternen Kontrolldienstes der „Novaja gaseta“. Das sei das Geschäftsmodell. Dazu gehört aber auch, dass der Seniorchef die Hälfte der ihm zufließenden Rente an Mitarbeiter und Klanfreunde verteilt, ergänzt die „New Times“. So wird der Mannschaftsgeist gestärkt. Wie zur Bestätigung liefen bei den Mitarbeitern, die den Fall Scharkow bearbeiten mussten, nach dessen Verhaftung die Telefone heiß. Die eigenen Kollegen drängten die Fahndungsbeamten, die Sache im Sand versickern zu lassen.

Unliebsame Mitarbeiter gefeuert und deren Posten „verkauft“

Überflieger wie Scharkow sind aber auch für ihre Behörden wie Heuschrecken. Kollegen beschrieben den ehemaligen Chefexperten als arrogant, aufbrausend und, zumal in angetrunkenem Zustand, gewalttätig. Für seine Fehler ließ er Untergebene büßen. Als er vor fünf Jahren versuchte, aus einem Moskauer Geschäftsmann eine Million Dollar herauszuholen, schaltete sich der interne Kontrolldienst ein. Da denunzierte Scharkow vorauseilend seine Mitarbeiter. Damals blieb er noch ungeschoren. Doch nach der Affäre musste Scharkow mit Kollegenrache rechnen. Im Interesse seiner eigenen Sicherheit wurde er erst einmal für vier Monate nach Kalmykien abkommandiert und dann befördert.

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