https://www.faz.net/-gqz-8zsct

Militärhistoriker über 1917 : Europäer marschieren nicht aufrecht

Merkel selbst hat erklärt, es übersteige die Fähigkeiten einer einzelnen Person, die Hoffnungen aller zu erfüllen. Diese Nüchternheit, ist das der Kern ihrer politischen Vorstellungen?

Wir sind vielleicht alle auch nüchterner geworden. Wenn wir auf das 20. Jahrhundert zurückblicken, hat es viele verschiedene Modelle erlebt, Wilson, Lenin, Faschismus, Nationalsozialismus: Weswegen wir langsam erkennen, dass das Heil in der Diversität liegt. Dass wir nicht sagen können, dass alle auf dieser Erde unserem Modell folgen müssen. Wir sollten die Fähigkeit entwickeln, die Leute leben zu lassen, wie sie leben wollen. Wir können helfen und unterstützen, wenn danach gefragt wird, aber wir müssen keine Regierungsform vorschreiben und auch nicht dafür kämpfen, dass die ganze Welt so wird wie wir. Andererseits müssen wir einfach besser werden darin, andere Kulturen zu verstehen. Wahrscheinlich hätten weder Wilson noch Lenin ihre Ideologien entwickelt, wenn sie die Welt wirklich verstanden hätten. Sie hätten gemerkt, dass die Idee einer global gültigen Weltordnung politisch, moralisch, gesellschaftlich illusionär ist.

Aber was wird dann?

Wir müssen mit der Vielfalt leben. Hans Delbrück, ein bedeutender Historiker im Kaiserreich, sagte einmal: Die Menschen brauchen grob gefügte Münzen, die durch tausend Hände gehen und sich doch nicht abnutzen. Einfache Schlagwörter. Aber als Wissenschaftler kann ich nur sagen: Lasst auch mal die „Fifty Shades of Grey“ zu. Die Dinge sind kompliziert, und das steht uns besser an. Wir sehen gerade auch am Jahr 1917, dass und wie Demokratien Krieg geführt haben. Wir sehen die Hungertoten im Deutschen Reich. Wir sehen den U-Boot-Krieg. Wir sehen Rassismus britischer Offiziere bei der Intervention im russischen Bürgerkrieg. Wir können dieses Jahrhundert, diesen Ersten Weltkrieg und dieses Jahr 1917 eben nicht auf eine Formel bringen. Wir müssen versuchen, ein kulturelles Verständnis anderer Völker und Länder zu entwickeln. Und das ist extrem schwer. Schon 1914 verstand man sich untereinander nicht, auch deswegen verzocken sich die Staatslenker in der Juli-Krise. Man versteht auch 1917 den anderen nicht. Man will ihn auch nicht verstehen. Und sind wir heute so viel schlauer? Wir verstehen ja noch nicht mal die Briten, geschweige denn die Amerikaner, wie wir an Brexit und Trump sehen. Obwohl die Deutschen ihre Kinder zum Studienaufenthalt dahin geschickt haben, selbst dort studierten, dort Urlaub machen. Verstehen wir den Irak? Verstehen wir Russland? Nein. Obwohl wir eine moderne Wissensgesellschaft sind. Wie gehen wir mit dem radikalen Islam um? Um den Konflikt zu lösen, müssen wir den radikalen Islam erst einmal verstehen. Und da sehe ich noch viel Handlungsbedarf in Deutschland.

Weitere Themen

Topmeldungen

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel

Verteidigungsplanung der NATO : Die Kunst flexibler Abschreckung

Die NATO richtet ihre Verteidigung auf hybride Kriegsführung aus. Nun wird ermittelt, was die Mitglieder dafür können müssen. Das ist auch für die nächste Bundesregierung von Bedeutung.
Hat vor dem Flug nach Amerika noch etwas zu sagen: Mathias Döpfner

Döpfner zum Fall Reichelt : Vor dem Abflug

Kurz vor seinem Abflug nach Washington, den Mathias Döpfner antrat, um den Kauf der Mediengruppe Politico zu besiegeln, wandte sich der Springer-Chef mit einer Videobotschaft an seine Mitarbeiter. In ihr geht es um den gekündigten Bild-Chef Julian Reichelt – und um ihn selbst.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.