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Migration und Integration : Einwanderung macht Ungleichheiten nur sichtbarer

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Durch die Flüchtlingskrise sind Fragen wie Migration, Identität und Integration aktueller denn je geworden. Bild: dpa

Die Flüchtlingskrise hat der Migrationsforschung enormen Bedeutungszuwachs verschafft. Sie ist jetzt eine politische Stimme, die Fehleinschätzungen der Politik korrigieren will.

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          Die Flüchtlingskrise hat manchen Profiteur hervorgebracht. Die soziologische Migrationsforschung gehört zweifellos dazu. Fristete sie dreißig Jahre lang eine eher marginale Existenz, zählen Einrichtungen wie das Berliner Institut für Migrationsforschung (BIM) plötzlich zu den gefragtesten Ansprechpartnern der Politik. Jetzt hätte man gerne erst einmal drei Jahre Zeit, um in Ruhe nachzudenken, klagt Wolfgang Kaschuba, Direktor des BIM. Allein, die Zeit ist nicht da, und der politische Beratungsbedarf ist immens. Liefern müssten sie jetzt, beschwor Kaschuba die Migrationsforscher, liefern! Was können sie also beitragen zur Lösung der Flüchtlingskrise?

          Diese Frage stand jetzt im Mittelpunkt einer zweitägigen Tagung an der Humboldt Universität Berlin. Der erste Eindruck ist der einer Forschung, die die plötzliche Wucht der öffentlichen Aufmerksamkeit noch nicht ganz verkraftet hat. Natürlich erlaubte das bisherige Nischendasein als frühere „Ausländerforschung“ (Annette Treibel) die Pflege sehr spezieller Forschungsthemen. Seien es die Selbstverwirklichungsträume türkischer Teenagerinnen in Berlin (Yasemin Soytemel), die Inneneinrichtungen russischer Spätaussiedler in Deutschland (Darja Klingenberg) oder die Europa-Gefühle lateinamerikanischer Zuwanderer in der EU (Céline Teney).

          Solche Freiheitsgrade insbesondere der deutschen Migrationsforschung hatten ihre Berechtigung gewissermaßen in der Sache selbst: Die bisherigen Zuwanderungswellen nach Deutschland stellten weder die Politikwissenschaft noch die Soziologie vor grundsätzliche Herausforderungen, weil sie deren Gegenstände – hier den Nationalstaat, dort die territoriale Organisation der Gesellschaft – nicht grundsätzlich in Frage stellten.

          Umgang der alten Gesellschaft mit dem Neuen

          Migration war bisher die Bewegung einer Gruppe von einem Land in ein anderes. Alle veränderten sich dabei ein wenig, aber es entstand nichts Drittes. Das ist jetzt anders, und das ist eben auch für die Migrationsforschung eine völlig neue Situation. Wir haben es mit einer neuen Gesellschaft zu tun, nennen wir sie vorläufig die transnational-transterritoriale Weltgesellschaft des Menschen in Bewegung. Sie hat keine räumliche Begrenzung, kein Zentrum und schon gar keine ethnische Identität. Sie hat nicht einmal eindeutige Mitgliedschaften. Mancher gehört ihr wenige Wochen an, andere schon Jahrzehnte.

          Ihre primäre Vergemeinschaftungsform ist negativer Art: Man will von irgendwo weg, kann nicht mehr bleiben, muss gehen, wird ausgeschlossen. Diese neue Gesellschaft ist kein gelobtes Land, sondern bestenfalls ein ungemütlicher Transitraum. Dennoch ist mancher froh, es dorthin geschafft zu haben, weil man dann wenigstens unterwegs ist. Das kann überall sein: auf Routen, in Lagern, an verschlossenen Grenzen. Das war das andere große Thema dieser Konferenz: Wie gehen die alten, begrenzten Gesellschaften mit dem und den Neuen um?

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