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Michael Jackson unter Verdacht : Who’s bad?

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Michael Jackson 1997 auf Welttournee Bild: Reuters

Ähnlich wie bei Kevin Spacey und R. Kelly stellt sich nach der neuen Filmdokumentation die Frage: Will man je wieder etwas von Michael Jackson hören? Die erste Antwort ist vielleicht zu einfach, die zweite auch.

          Michael Jackson war für mich nie das Genie, sondern der Geist, der sein Baby über die Balkonbrüstung hielt. 2002, im „Hotel Adlon“ in Berlin, ein Filmteam begleitete ihn damals für eine Doku, in der Jackson später sagen würde, er sehe nichts Falsches darin, mit Jungen in einem Bett zu schlafen. Drei Jahre später in den Nachrichten die Anklage wegen Kindesmissbrauchs. Die riesigen Bodyguards, die ihn zum Gerichtssaal eskortierten, Kameras, Regenschirme, Jacksons schwarze Sonnenbrille. Vielleicht ist es für jemanden, der mit diesen Bildern aufgewachsen ist, einfach zu sagen: Packt diesen Mann endlich weg, seine Musik, „Billie Jean“ und „Beat It“ und „Man in the Mirror“, zehn Jahre nach seinem Tod.

          Der Bezahlsender HBO hat am Sonntag und Montag die zwei Teile der vierstündigen Doku „Leaving Neverland“ ausgestrahlt, die am 6. April auch bei Pro Sieben laufen soll. Darin erzählen Wade Robson, sechsunddreißig, und James Safechuck, einundvierzig, wie der erfolgreichste Musiker aller Zeiten sie als Kinder über Jahre missbrauchte. Als Reaktion kündigten diverse Radiosender an, Michael Jacksons Songs aus ihrem Programm zu streichen; Norwegens Rundfunk NRK hat schon die Streichung wieder gestrichen, zu viele Fans wollten den King of Pop weiter hören. Erneut, ähnlich wie beim Schauspieler Kevin Spacey und dem Sänger R. Kelly, stellt sich die Frage: Darf man einem Mann zusehen und zuhören, der sich an Minderjährigen vergangen haben soll?

          Logisch darf man. Die meisten sind erwachsen genug zu wissen, dass ein großer Künstler nicht unbedingt ein großer Mensch ist und Kunst und Künstler zu trennen. Ja. Im Sinn von: bisschen einfach. Es sind schon seine Werke, die Abermillionen von verkauften Platten und Konzertkarten, die Jackson zu einem schwerreichen Idol machten, das Jungen im Privatjet einfliegen lassen konnte, um sich dann mit ihnen auf einem seiner Anwesen, abgeschirmt von Personal, auf die eine oder andere Weise zu vergnügen.

          Fragen ans Umfeld

          Wer Robson, Safechuck und ihren Familien zuhört, der versteht das Unverständliche ein bisschen: wie Jackson den Kindern schmeichelte, bis sie in seinem Bett schlafen wollten; wie er ihre Eltern überzeugte, selbst bloß ein großer Junge zu sein, der gern mit anderen Kindern spielt. Wenn Robson und Safechuck von dem System erzählen, den versteckten, alarmgesicherten Schlafzimmern in der Neverland-Ranch, in denen sie mit Michael Jackson Sex gehabt hätten und wie, dann ist nach vier Stunden die Sache einfach: Für lange Zeit will ich nichts mehr von ihm hören.

          Dabei ist nichts neu. In den neunziger Jahren warf ein Dreizehnjähriger Jackson das erste Mal Missbrauch vor. Bis zu seinem Tod wurde der Sänger trotz umfangreicher Ermittlungen in keinem Fall verurteilt. Robson hat die Michael Jackson Estate, die den Nachlass verwaltet, schon 2013 verklagt, Safechuck ein Jahr später, beide ohne Erfolg. Vor Gericht hatte Robson 2005, da war er Mitte zwanzig, sogar für Jackson ausgesagt: Der Popstar habe nie etwas Falsches getan.

          Es sind diese Fakten, die Jacksons Verteidiger nun vorbringen, und von denen gibt es viele. Stevie Wonder bat, den Toten in Ruhe zu lassen. Der Rapper und dreifache Grammy-Gewinner T.I. schrieb, „eine weitere schwarze Legende“ solle zerstört werden. Jacksons Nachlassverwalter haben HBO auf Schadenersatz von mehr als hundert Millionen Dollar verklagt, seine Familie bezeichnete die Dokumentation als „öffentliches Lynchen“.

          Dass Jackson Jungen zum Sex missbraucht hat, kann „Leaving Neverland“ selbstverständlich nicht beweisen (obwohl es einigen Zynismus braucht, danach noch daran zu zweifeln). Braucht es auch nicht. Denn dass Jacksons Umfeld es offenbar bis heute okay findet, wie sein Star jahrelang händchenhaltend mit wechselnden kleinen Jungen herumspazierte, als Erwachsener in der Öffentlichkeit mit ihnen kuschelte und hinter verschlossenen Türen mit ihnen spielte, dass also das, was jeder sehen konnte und nun noch einmal in „Leaving Neverland“ zu sehen ist, nie jemand unterband und immer noch als eine Art Künstlerextravaganz durchgeht, die Eigenart eines Sensiblen, das ist falsch genug. Jacksons Erben sitzen auf einem Milliardenvermögen, da müssen nicht noch meine Streaming-Cents dazukommen.

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