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Wer ist Marija Kolesnikowa? : Jeanne d’Arc von Belarus

Ein Lächeln für die Sonderpolizei: Marija Kolesnikowa vor dem Palast von Präsident Lukaschenka Bild: Getty

Furchtlos und bereit zum langen Marsch durch die Wüste: Die inhaftierte Marija Kolesnikowa ist eine professionelle Musikerin und Kuratorin. Auch ihre politische Vision wurzelt in ihren künstlerischen Überzeugungen.

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          Spätestens seit sie, entführt und in der Gewalt von Häschern, die, wie sie wusste, vor nichts zurückschrecken, ihren Pass zerriss, um die Deportation zu verhindern, wurde Marija Kolesnikowa zur Ikone des Widerstands gegen Präsident Aleksandr Lukaschenka. Die 38 Jahre alte Musikerin ist unverheiratet, kinderlos und daher schwerer erpressbar als die anderen Präsidiumsmitglieder des oppositionellen Koordinierungsrates, die nach Litauen, Polen und in die Ukraine abgeschoben wurden. Noch aus dem Untersuchungsgefängnis verlangte sie über ihre Anwältin von der Staatsanwaltschaft, ein Strafverfahren gegen die Sicherheitskräfte einzuleiten, die sie verschleppt und sie mit dem Tod bedroht hatten. In den sozialen Netzwerken kursieren Comicbilder von Kolesnikowa mit ihrem Kurzhaarschnitt im Ritterharnisch, wie sie, die Finger zum Herzzeichen gebogen, als neue Jeanne d’Arc ihren bedrängten Landsleuten Mut macht. Oder sie ruft, in einer Replik auf ein berühmtes sowjetisches Weltkriegsplakat, als „Mascha Heimat“ zum Widerstand. Im Netz findet sich auch eine Aufnahme von dem Bild, das Kolesnikowas Anhänger per Video im Großformat auf ein achtstöckiges Wohnhaus projiziert haben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Rolle folgt bemerkenswert konsequent aus der künstlerischen Mission der Flötistin und Dirigentin, die nach einer Ausbildung im stalinistischen Konservatorium von Minsk vor zwölf Jahren nach Stuttgart ging, um erst Alte, dann Neue Musik zu studieren und als Kuratorin experimentelle, medien- und disziplinenübergreifende Kunstformen zu entwickeln. Christine Fischer, Künstlerische Leiterin des Stuttgarter Eclat-Festivals, für das Kolesnikowa noch bis ins laufende Jahr hinein tätig war, schildert sie als nach allen Seiten offene und zugleich willensstarke Kulturschaffende mit einer außerordentlichen Begabung für die digitale Kommunikation. Freunde bezeugen, dass ihre Leidenschaft nie nur einem Komponisten oder einer Stilrichtung gelte, sondern allgemein der Kunst als Labor für neue Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten, die dabei stets sozial relevant sein müssten.

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