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#MeTooInceste in Frankreich : Inzest-Debatte zeigt gesellschaftliche Probleme auf

  • -Aktualisiert am

Das Buch „La familia grande“ von Camille Kouchner hat für eine gesellschaftliche Debatte über Inzest gesorgt. Bild: AP

Seitdem das französische Kollektiv „NousToutes“ offenlegen will, dass Inzest nicht bloß illustre Kreise, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft, haben sich Tausende gemeldet. Was folgt daraus?

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          Als Camille Kouchner ihrer Mutter zum ersten Mal erzählte, dass ihr Stiefvater ihren Zwillingsbruder jahrelang sexuell missbraucht hat, reagierte diese mit extremer Wut. Nur galt sie nicht dem Vater: „Ich habe immer gewusst, dass ihr versuchen würdet, mir meinen Typen wegzunehmen“, sagte sie, „das Opfer bin ich, nicht ihr.“

          Kouchner erzählt diese Episode in ihrem Buch „La Familia Grande“, das in Frankreich seit Beginn des Monats für eine Art gesellschaftlichen Dammbruch sorgt. Es geht darin um ihre Familie, eine berühmte Familie der französischen Elite: Ihr Vater, Bernard Kouchner, war Außenminister unter Nicolas Sarkozy und Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen; die Mutter, Évelyne Pisier, eine bekannte Feministin; ihre Tante eine Muse von François Truffaut und der Stiefvater, um den sich alles dreht, auch wenn sein Name im Buch nie genannt wird, ist Olivier Duhamel. In Frankreich galt Duhamel bis vor kurzem als ein mächtiger Mann, ein „homme de pouvoir“: Professor an der Elitehochschule Science Po, wöchentlicher Radio-Host beim Sender Europe 1, ehemaliger EU-Abgeordneter, Schriftsteller und Essayist, Vorsitzender des ultraexklusiven Clubs „Le Siècle“.

          Ein Mann also, mit dem man befreundet sein sollte, wenn man es in Paris zu etwas bringen wollte, und mit dem entsprechend viele befreundet blieben, auch nachdem sie erfahren hatten, dass er sich jahrelang in das Zimmer seines Stiefsohnes geschlichen und ihn sexuell missbraucht hatte.

          Ähnliches Buch sorgte für Entlassungswellen

          Das Buch der Schwester, die die Geschichte ihres Bruders, aber auch ihre eigene erzählt, weil Inzest nie nur einen allein trifft, sondern ein Geflecht ist, in das eine ganze Familie verstrickt wird, schlägt in Frankreich ähnlich ein, wie vor einem Jahr „Die Einwilligung“ von Vanessa Springora: Olivier Duhamel verabschiedete sich über Twitter von all seinen Funktionen. Élisabeth Guigou, Vorsitzende der neuen „Kommission zur Untersuchung von Inzest und sexueller Gewalt an Kindern“, konnte aufgrund ihrer Freundschaft zu Duhamel ihren Posten nicht weiter ausüben. Der Philosoph Alain Finkielkraut wurde vom Sender LCI, bei dem er unter Vertrag stand, entlassen, nachdem er relativierend gemeint hatte, man müsse sich doch fragen, „ob es da keine Einwilligung gegeben hat“, außerdem handle es sich bei einem Dreizehnjährigen um „einen Teenager, kein Kind“.

          Studenten der Hochschule Science Po Paris fordern seit Wochen den Rücktritt des Direktors Frédéric Mion, der seit zwei Jahren vom Inzest-Vorwurf gegen Duhamel wusste (er erfuhr es von der Politikerin Aurélie Filippetti, wie „Le Monde“ berichtet), ohne dass dies je eine Konsequenz gehabt hätte. Und auch Jack Lang, der ehemalige Kulturminister, musste sich noch einmal dafür verantworten, 1977 eine bereits durch den Springora-Skandal diskutierte Petition zur „Dekriminalisierung der Pädophilie“ unterzeichnet zu haben: „Was soll ich machen? Mich vor Ihnen anzünden?“, fragte er in einem Radiointerview entnervt und meinte locker: „Es war eine Dummheit. Es war einfach eine andere Zeit.“

          Es passiert überall

          So wie schon im vergangenen Januar beim Fall Springora, der heutigen Leiterin des Pariser Julliard-Verlags, die in ihrem Buch „Die Einwilligung“ schilderte, wie sie als 14-jähriges Mädchen zur Liebhaberin des damals 50-jährigen französischen Schriftstellers Gabriel Matzneff wurde und dieser sie rücksichtslos sexuell ausbeutete, hat man sich auch jetzt wieder genau diese Frage gestellt: Gibt es sie wirklich, diese berühmte „andere Zeit“? Gab es mal eine Zeit, in der Leute ehrlich dachten, ein Kind könnte in eine sexuelle Beziehung mit einem Erwachsenen, einer Autoritätsperson „einwilligen“? Ist womöglich der Mai 68 an allem schuld, eine von manchen missverstandene Ideologie sexueller Befreiung? Oder geht es hier, wie bei Springora, um ein gewisses Milieu, die sogenannte intellektuelle Elite von Saint-Germain-des-Prés, die meint, Grundregeln des gesellschaftlichen Miteinanders gelten nur für Spießbürger, nicht für sie selbst?

          Ist also dieses Schweigen, das einen so fassungslos macht, milieubedingt, oder ist es nicht vielmehr ein strukturelles Problem, etwas, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht? Bis vor ein paar Wochen hätte man vielleicht noch denken können, dass „die da oben“ sich alle Freiheiten nehmen, einfach weil sie es können. Nur beweisen sowohl die Statistiken als auch die jetzt publik werdenden Opferberichte, dass dem kein bisschen so ist: Inzest ist weder oben noch unten noch links noch rechts zu verorten, er passiert überall. Und zwar andauernd. „MeTooInceste“ heißt der Hashtag, den das feministische Kollektiv „NousToutes“ gegründet hat, um zu beweisen, dass es nicht bloß um eine Geschichte aus illustren Kreisen geht, sondern um ein tiefsitzendes gesellschaftliches Problem.

          „Die Einwilligung“ von Vanessa Springora sorgte für Furore in Frankreich.
          „Die Einwilligung“ von Vanessa Springora sorgte für Furore in Frankreich. : Bild: dpa

          Einer von zehn Franzosen erfuhr sexuelle Gewalt

          Zu Beginn des Monats, als Kouchners Buch gerade erschienen war, hörte und las man von Experten immer wieder Sätze, die auf eine schockierende Weise verharmlosend klangen: Inzest sei ein „banales“ Vergehen, sagte etwa die Psychiaterin Muriel Salmona; er sei „ein gewöhnliches Verbrechen“, so Historikerin Fabienne Giuliani. Tatsächlich geben laut einer im November erschienenen Studie rund 10 Prozent der Franzosen und Französinnen an, in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren zu haben, 80 Prozent davon in der Familie. 95 Prozent der zwischen 2016 und 2018 des Inzests Beschuldigten und Angeklagten sind Männer, 77 Prozent der Opfer sind Mädchen. In einer ganz normalen fünften Klasse sind von dreißig Schülerinnen und Schülern mit großer Wahrscheinlichkeit drei Inzestopfer.

          Wenn man nun auf Twitter den Hashtag „MeTooInceste“ eingibt, kommen einem seit den letzten zwei Wochen fast hunderttausend Tweets entgegen: „Ich war sieben Jahre alt, und es war mein Geburtstag. Ich trug ein schönes Kleid und einen Panda-Rucksack. Es war der letzte Tag meiner Kindheit“, schreibt eine Frau; „Von meinem fünften bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr. Es war mein Großvater“, eine andere. Man liest: „Es war mein Vater, ich war zwischen sechs und neun Jahre alt. Fünf Jahre traumatische Amnesie, fünfundzwanzig Jahre Schweigen.“ Oder: „Als ich es gesagt habe, warf mir meine Mutter vor, ich wolle die Familie zerstören.“

          Loubna Méliane, Sprecherin der politischen Bewegung „Génération Écologique“, schrieb: „Ich war neun Jahre alt. Ich werde das Gefühl der Scham und der Schuld nie vergessen. Er heißt Khalid Meliane, er war mein Vater. Er hat mich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr vergewaltigt.“ In einem Fernsehinterview erklärte sie, das Schlimme sei, dass man seine Familie verliert, wenn man es endlich wagt, zu sprechen, so wie Camille Kouchner in der Literatursendung „La Grande Librairie“ sagte, man wisse, dass man das vermeintliche Familienglück (an das man ja irgendwie auch weiterhin glaubt) für immer zerstört, wenn man das Schweigen bricht, das sei sehr schmerzhaft.

          Inzest ist ein gesellschaftliches Problem

          „Das wahre Verbot ist nicht die Vergewaltigung von Kindern, sondern darüber zu sprechen“, erklärt die Anthropologin Dorothée Dussy. Sie begrüßt es, dass Opfer sich nun so massiv äußern, das sei wichtig, nur müsse man aufhören, so zu tun, als würden Kinder nie etwas sagen: „Kinder sprechen darüber, schon immer, zumindest versuchen sie es, nur werden sie meistens nicht gehört.“ Es sei kein französisches Problem und auch nicht das eines gewissen Milieus, sondern hänge mit der patriarchalen Gesellschaftsstruktur zusammen: Der Vater steht als Familienchef über allen, sein Wort hat mehr Gewicht als das des Kindes, aber auch oft als das der Mutter. In ihrem extrem verstörenden und zugleich sehr hörenswerten Podcast „Ou peut-être une nuit“ (benannt nach einer Strophe aus dem Lied „L’aigle noir“ der Chanson-Sängerin Barbara, selbst ein Inzest-Opfer) erklärt die Journalistin Charlotte Pudlowski, es gebe eine ganze Bewegung, die darauf abziele, Missbrauch- und Inzest-Vorwürfe von Kindern als Manipulation kontrollsüchtiger Mütter darzustellen. Und leider fänden diese Theorien auch in juristischen Kreisen Gehör: Fälle, die mit den Worten „Mutter hysterisch“ geschlossen würden, seien nicht selten.

          #MeTooInceste

          Dennoch sieht es so aus, als hätten Camille Kouchner mit „La Familia Grande“ und der Hashtag „MeTooInceste“ etwas in Bewegung gesetzt: Die Justiz diskutiert neu, inwiefern die Frage der „Einwilligung“ beim Sex mit Minderjährigen überhaupt eine Rolle spielen sollte (eine Verurteilung wegen Vergewaltigung oder sexueller Übergriffe setzt derzeit voraus, dass das Fehlen einer Zustimmung bei Minderjährigen über 15 Jahren nachgewiesen werden muss); einige fordern, der Inzest müsse eine nichtverjährbare Straftat sein, da die meisten Opfer erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später darüber sprechen; Lehrer, Ärzte, Polizei sollen besser geschult werden, um Opfer zu erkennen und aufzufangen. Am vergangenen Samstag postete Emmanuel Macron auf seinem Instagram-Account ein Video: „Das Schweigen wurde gebrochen, es liegt jetzt an uns, zu handeln“, meinte er da und schloss mit den Worten: „An alle, die gesprochen haben oder noch zögern, es zu tun: Wir sind da. Wir hören euch zu. Wir glauben euch. Ihr werdet nie wieder allein sein.“ Jetzt muss ein gesellschaftlicher Wandel folgen.

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