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MeToo-Welle in Griechenland : Vergewaltigung beim Vorsprechen

Der Intendant des griechischen Nationaltheaters Dimitris Lignadis wird abgeführt. Bild: Reuters

Ein renommierter Theaterintendant soll Minderjährige vergewaltigt haben. Die Kulturministerin deckt ihn erst und verlangt jetzt eine kathartische Reinigung. Steht Griechenland am Rande einer Regierungskrise?

          2 Min.

          Die griechische Öffentlichkeit wird von einem „kathartischen“ Beben erschüttert. Seit Sofia Bekatorou, vierfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Segeln, publik machte, dass sie als junge Sportlerin von einem Funktionär des Seglerverbandes vergewaltigt wurde, melden sich immer mehr Opfer sexueller Übergriffe zu Wort. Nun hat die verzögert ins Rollen gekommene MeToo-Welle auch die griechische Kultur erreicht. Bekannten Theatermachern und Schauspielern werden verbale und körperliche Grenzüberschreitungen vorgeworfen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun ist auch die Spitze des prestigereichen Nationaltheaters in Athen von der Welle erfasst worden. Vergangenes Wochenende nahm die griechische Polizei den künstlerischen Direktor Dimitris Lignadis fest, der nach Medienberichten über Vergewaltigungen von minderjährigen Jungen in den Jahren 2010 und 2015 schon Anfang des Monats zurückgetreten war. Lignadis, der jegliche Schuld von sich weist und ein Alibi für die angebliche Tatzeit präsentiert, sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, mehrere junge Schauspieler sexuell missbraucht zu haben.

          Zuerst hatte das Internetportal „2020mag“ ein Interview mit einem Schauspieler veröffentlicht, der angab, als Minderjähriger von Lignadis unter dem Vorwand, ihn auf ein Vorsprechen vorzubereiten, in sein Haus gelockt und dann von ihm vergewaltigt worden zu sein. Am Tag nach der Veröffentlichung des Interviews trat der sechsundfünfzigjährige Intendant zurück, um trotz entschiedener Unschuldsbekundungen, wie er erklärte, weiteren Schaden von seinem Theater abzuwenden.

          Ein gefährlicher Mann

          Die zuständige Kulturministerin Lina Mendoni, eine promovierte Archäologin, die zuletzt wegen ihres zweifelhaften Umgangs mit archäologischen Funden bei Bauarbeiten für die U-Bahn in Thessaloniki auffiel, erklärte zwei Tage später in einem Fernsehauftritt lapidar, dass sie Lignadis nicht um seinen Rücktritt gebeten habe. Als sich am 19. Februar im Fernsehen dann allerdings ein weiteres Opfer zu Wort meldete und von einer Vergewaltigung durch Lignadis berichtete, die noch nicht verjährt sein könnte, berief Mendoni hastig eine Pressekonferenz ein, in der sie den Intendanten einen „gefährlichen Mann“ nannte, der sie getäuscht habe.

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          Plötzlich behauptete die Kulturministerin jetzt, dass sie ihn selbst zum Rücktritt aufgefordert habe und nun ein offizielles Strafverfahren gegen Lignadis eingeleitet werde. Darüber hinaus kündigte sie vollmundig an, dass Griechenlands Kultursektor eine reinigende „Katharsis“ nötig habe. Die Opposition forderte angesichts dieser durchsichtigen Volte umgehend den Rücktritt der Kulturministerin. Auch die einflussreiche nationale Schauspielgewerkschaft hat sich inzwischen dieser Forderung angeschlossen. Wie nämlich obendrein bekannt wurde, hat Mendoni 2019 bei Lignadis’ Berufung auf die sonst übliche Ausschreibung verzichtet und ihn aus Gründen des „öffentlichen Interesses“ direkt zum Intendanten des wichtigsten griechischen Theaters ernannt. Darüber hinaus wurde in griechischen Medien berichtet, dass eine NGO, die sich dem Schutz minderjähriger Flüchtlinge verschrieben hat, einige von ihnen in den Jahren 2017 und 2018 für „private Theaterschulstunden“ zu Lignadis nach Hause schickte.

          All diese Vorgänge setzen die – schon zuvor wegen ihrer schwerfälligen Corona-Hilfspolitik unbeliebte – Kulturministerin so sehr unter Druck, dass sich zuletzt sogar der konservative Premierminister Mitsotakis in die Debatte einschaltete und ein Kommuniqué veröffentlichte, in dem er sich gegen sexuelle Belästigung aussprach. Allerdings ist die Stimmung inzwischen so aufgeheizt, dass von Vertuschungsversuchen und einer drohenden Regierungskrise gesprochen wird. Gestern sah Mitsotakis sich dann gezwungen, im griechischen Parlament eine Debatte zur „Qualität des öffentlichen Dialogs“ zu führen, in der er die Berichterstattung zur „Lignadis-Affäre“ in linksgerichteten Tageszeitungen anprangerte, um Fragen der politischen Verantwortung auszuweichen. Ob seine Kulturministerin den Donnerstag politisch überlebt hat, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

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