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MeToo in Frankreich : „Wir sind erst am Anfang“

Adèle Haenel (links) in ihrem neuen Film „Porträt einer Frau in Flammen“ Bild: dpa

Die Schauspielerin Adèle Haenel erhebt Missbrauchsvorwürfe gegen den Mann, mit dem sie als Zwölfjährige ihren ersten Film drehte. Steht Frankreich am Beginn einer verspäteten MeToo-Debatte?

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          Drei Jahre lange wurde Adèle Haenel als Zwölfjährige von Christophe Ruggia verfolgt und sexuell ausgebeutet. So lauten der Vorwurf, den die französische Schauspielerin gegen den Mann erhebt, mit dem sie ihren ersten Film drehte, „Diables“, eine Inzestgeschichte zwischen Geschwistern, Nacktszenen inklusive. Die „Société des Réalisateurs de Films“ (SRF) hat Christophe Ruggia, der ihr Vizepräsident war, ausgeschlossen und die Justizministerin ein Verfahren eingeleitet, das die inzwischen dreißigjährige Adèle Haenel ausdrücklich nicht wünscht: Die Justiz sei genauso von der „Kultur der Vergewaltigung“ geprägt wie der französische Film.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Adèle Haenel, die zweimal mit dem „César“ für die beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, hat von den Vorfällen auf dem Infoportal „Mediapart“ erzählt. Dem Interview ging eine exemplarische Darstellung voraus: Sieben Monate recherchierte Marine Turchi über die Dreharbeiten zu „Diables“. Die Mitarbeiter schilderten der Journalistin das Unbehagen, das alle verspürten. Aber keiner hatte etwas gesagt. „Reduzierend“ nennt Ruggia die Recherche in einer „Gegendarstellung“.

          „Müdigkeit“ wegen mühsamer MeToo-Debatten

          Die von Haenel erwähnten Gesten streitet er ab, seinen manipulierenden Einfluss auf das Mädchen stellt er nicht in Abrede. Ein „Pygmalion“ will er ihr gewesen sein. Nach den Dreharbeiten in den Sommerferien musste Adèle wieder in die Schule, aber jeden Samstag verbrachte sie bei Ruggia.

          Adèle Haenel unterstreicht, dass sie inzwischen sehr viel erfolgreicher und mächtiger sei und sich deshalb endlich wehren könne. Sie hat nach eigenem Bekunden zwanzig Jahre lang mit sich gerungen, ihre Vorwürfe öffentlich zu äußern. Vor einem Monat äußerte sie ihre Überraschung, dass Roman Polanskis neuer Film über die Dreyfus-Affäre beim Festival von La Roche-sur-Yon gezeigt wird, und wurde kurzfristig zu einer Debatte eingeladen, bei der sie an Polanskis Vergewaltigung einer Minderjährigen erinnerte. Nach „MeToo“ gab es Stimmen, die ein Verbot seiner Retrospektive in der Pariser Cinémathèque“ forderten. Haenel sprach sich damals für eine begleitende Debatte aus. Diese Woche kam der Film in die Kinos, sein Hauptdarsteller Jean Dujardin ließ es sich aus diesem Anlass nicht nehmen, seine „Müdigkeit“ bezüglich der „mühsamen“ MeToo-Debatten zu unterstreichen.

          „Müde wovon?“, schrieb darauf die Kritikerin Iris Brey im Magazin „Les Inrockuptibles“, „wir sind erst am Anfang. Noch ist in Frankreich rein gar nichts passiert.“ Nur bei Männern werde der Unterschied von Werk und Künstler gemacht, dafür bei der Kritik von Chantal Akermanns Filmen stets der Rückschluss auf die Sexualität der Regisseurin angestellt. Diesem Blick will sie auch Polanski unterwerfen: „Im Film wird die männliche Gewalt und Sexualität ästhetisiert, hundert Jahre Kino haben uns blind gemacht.“

          Die Verkoppelung der „MeToo“-Debatte mit der Dreyfus-Affäre vermittelt ihr eine beachtliche Wucht. Als „Avantgarde“ einer Kulturrevolution zelebriert „Libération“ Adèle Haenel, für den Film und die Frauen werde nichts mehr sein wie zuvor. Gerade ist in Paris ein Roman erschienen, in dem „Lolita“ aus der Sicht des Mädchens erzählt wird. Allerdings von einem Mann.

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