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Menschen, Bücher, Kaffeetassen : Alles wird immer dicker

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Bild: Picture-Alliance

Trotz aller Warnungen werden die Menschen immer dicker. Doch auch der Umfang von Gegenständen nimmt zu – von Kugelschreibern, Kaffeetassen und zuletzt sogar von Büchern. Woher kommt dieser Trend?

          Trotz aller ernsten Warnung und gesundheitspolitischen Aufklärung werden die Menschen immer dicker. Deutschland dürfte in den westlichen Teilen der EU den ersten Rang in der Skala der Gewichtigen einnehmen; deutsche Politiker sind bei internationalen Treffen leicht zu erkennen: am Leibesumfang. Alle Ratschläge, ja gar die Drohung mit Krankheit und frühem Tod fruchten nichts – die Gestalten auf den Straßen werden immer runder, und selbst in der eigenen Bekanntschaft trifft man selten einen, der etwa abgenommen hätte; häufig aber grüßt einer fröhlich herüber, der wieder ein paar Gramm zugenommen hat.

          Immer dicker werden aber nicht nur die Menschen hierzulande, dicker wird auch die Welt, die sie sich einrichten. Das ist es, was zu denken geben sollte. Dicker, schwerer, plumper sind in den vergangenen Jahren geworden: Füller und Kugelschreiber, Kaffeetassen, Tischplatten, Polstermöbel, die Koffer der Reisenden und die Schultaschen der Kinder, die SUV-Panzer und schließlich sogar die Bücher.

          Und dies erstaunt zunächst besonders: Das kleine Buch, das in der Tasche verschwindet, um schnell hervorgeholt zu werden, wenn man eine Kaffeepause macht, das Heftchen, das in der S-Bahn, im Zug für eine Lektüre von Station zu Station hervorzuholen wäre, ist unbeliebt geworden, und mit ihm sind es die entsprechenden literarischen Gattungen, die ihre Formbestimmung aus der Länge der Lektüre bezogen haben, jener einen Stunde, die das Lesen oder Vorlesen dauern sollte: die Erzählung und der Essay. Wenn überhaupt in der Öffentlichkeit und in öffentlichen Verkehrsmitteln noch gelesen wird, dann hat das Buch ein erstaunliches Gewicht und ist unhandlich. Die Erzählung muss ausschweifend sein und offensichtlich für viele morgendliche Fahrten zur Arbeit herhalten, ein Buch zu kaufen, hat man offenbar nicht oft Zeit.

          Nicht nur Menschen werden heutzutage dicker: Auch Kaffeetassen, Kugelschreiber und Bücher sind teilweise überproportioniert.

          Und dann all die anderen dicken Dinge? Dass die plumpen Füller gedacht sind für große Tatzen, die gewichtige Verträge unterschreiben, lässt sich noch am ehesten aus der sozialen Struktur der Unternehmen und ihrer wirtschaftlichen Größe erklären. Die juristische Bestätigung der Macht geschieht durch einen mächtigen Schnörkel mit einem mächtigen Schreibgerät – man möchte auch bei diesem Handwerkszeug geradezu von einem SUV-Füller sprechen.

          Keine Frage der Notwendigkeit

          Wer aber findet eine rationale Begründung für das Reisegepäck, das mittlerweile ein immenses Ausmaß angenommen hat? Man sollte meinen, dass sich in dieser reiselustigen Gesellschaft die Fähigkeit durchgesetzt hätte, mit einer eleganten kleinen Ausstattung auszukommen und mit einem sparsamen survival kit durch die Lande zu ziehen.

          Stattdessen die Verfrachtung eines ganzen Haushalts! Und endlich gar die Autos, die sich in die Breite dehnen und wie verbeult aussehen, so dass in den vollgeparkten Wohnvierteln der Verkehr endgültig stockt, das Fahren mehr ein Bremsen denn ein Vorankommen ist. Warum sind diese Fahrzeuge, von denen manche Familie inzwischen mehrere auf der Straße parkt, nicht klein, schlank, wendig, leicht abzustellen und mühelos aneinander vorbeizulenken?

          Das Wachstum all dieser Objekte hat nichts mit irgendeiner Notwendigkeit, nichts mit dem Gebrauchswert dieser Sachen zu tun; meistens sind die Ausdehnung und Dicktuerei höchst unpraktisch und dem Zweck nicht angemessen. Warum also dies? Der Geist des Menschen verfügt eben über ein surplus, mit dem er die Praxis über allen Gebrauchswert hinaus gestaltet, interpretiert, verlängert, vergrößert.

          Dieses Vermögen überschreitet den Bereich der praktischen Vernunft und gehört in jenen der Ästhetik. Für den Schöpfer der dicken Dinge selbst also wird Dicksein zwar als Gesundheitsproblem unentwegt thematisiert; die Dinge aber, die er sich erschafft, unterliegen den Fragen seines Geschmacks, und an seinen Kreationen wird offenbar: Dick gefällt ihm.

          Das Dicke erschafft sich seine dicke Welt

          Umfang, Volumen, Gewicht sind gegenwärtig die Normen der ästhetischen Gestaltung. Kategorien von einst – Schlankheit, Eleganz – haben keine Geltung mehr. Maß und Gewicht, jene am leichtesten zu bestimmenden Bedeutungsmerkmale, sind zu epochalen Kategorien der Ästhetik avanciert (nicht zum ersten Mal übrigens, denn von den Ramsesfiguren über die mittelalterlichen Dome bis zu Heinrich VIII. war Größe der Ausdruck nicht nur von Macht, sondern auch der Maßstab des Schönen).

          Der Dicke erschafft sich also seine dicke Welt. Die Dinge, die in die Breite gehen, sind ein Spiegel seiner Erscheinung, sie werfen einen Anblick zurück, der sein Wohlbefinden bestärkt. Und selbst wenn ihn die Gesundheitsapostel noch so dringlich zur Abmagerung ermahnen, er bleibt dabei: Dicksein ist schön.

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