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Serie „Mensch Merkel“ : Die Letzte an der Bar

  • -Aktualisiert am

Nach ihrer Verabschiedung durch die Bundeswehr: Angela Merkel kann stolz auf 16 Jahre Kanzlerschaft zurückschauen. Bild: dpa

Szene zum Machtwechsel: Wie ein Schauspieler, der nicht zur Stammwählerschaft der CDU gehört, allmählich von Angela Merkel gewonnen wurde.

          2 Min.

          Adenauer schien aus einer anderen Welt zu stammen, aus einer anderen Zeit. Zu alt, zu rheinisch, zu skurril. Erhard war ein Dickerchen, Kiesinger surreal wie alle Schwaben, dazu seiner Nazivergangenheit halber getarnt als Bonhomme. Erst mit Brandt traten wir in eine Moderne der leichten, aber auch schwankenden Eleganz ein. Dann Schmidt, eine Art Dressman zwar, dabei aber schneidig und erstaunlich kleinwüchsig. Und schließlich Kohl, zu meiner Zeit das Gegenteil all dessen, was erstrebenswert war oder Esprit hatte. Jeder seiner Auftritte von atemberaubender Provinzialität, die Bauernschläue als Gewitztheit und Schulbuchwissen als Bildung ausgab. Seine Machtgier war mit Händen zu greifen, seine Vasallen ein Horrorkabinett: Dregger, Strauß und Roland Koch.

          Kein gängiges Schema

          Besonders in der Politik passt ein neues Gesicht ja oft genug in kein gängiges Schema. Jeder achtet wohl beim Auftauchen eines neuen Gesichts auf erkennbare Charakterzeichen, wie viel mehr erst ein Schauspieler, dessen Beruf es ist, zu erkennen, was Claudia Schmölders „Das Vorurteil im Leibe“ nennt. Und so schien auch Angela Merkels erstes Auftauchen wie die Verkörperung des puren Nichts. Noch nicht erwachsen, kein Kind mehr, aber auch noch nicht wirklich Frau, eher wie die deutlichst mögliche Nichtkonkurrenz. Für Helmut Kohl zum Beispiel. Zumindest wohl in seinen Augen. Kohl muss Merkel als die seiner Position am wenigsten gefährliche Person erachtet haben. Von ihm selbst gefördert, hatte er wohl geahnt, dass Angela Merkel einige aufstrebende Konkurrenten würde binden können, es aber sicher im Traum nicht vermutet, sie selbst könne ihm nachfolgen.

          Und so hat sie nicht nur Kohl, sondern uns alle, und also auch mich, durch Unscheinbarkeit getäuscht. Eine Kategorie, der sie eine neue Bedeutung hat zuwachsen lassen. Denn gerade hinter ihrem oft glanzlosen Auftreten liegen ja Qualitäten, die Angela Merkel erst so recht zur Erscheinung haben werden lassen. Ihre Intelligenz, ihre Schnelligkeit im Denken, ihre Bodenständigkeit und ihr Humor haben so nebenbei zu einem moderneren Frauenbild geführt, als es so mancher Lamborghini-Fahrer erträgt. Jenseits von Modezwang und Botox, dafür diesseits von Genussfreude und Lebenstüchtigkeit bewies Angie, denn diese Stones-Zuschreibung gab es ja auch mal, dass gerade Frauen wie sie das nötige Rückgrat in der Politik beweisen können.

          Die „zwei Körper der Königin“

          Wie sie viele Männer, die man auch als Mann nur schwer erträgt, zur Seite schob, wie sie den Potentaten standhielt und vor keinem Verhandlungsmarathon zurückschreckte, sahen wir mit wachsendem Erstaunen. Und dass sie zugleich, wie man mir versicherte, abends die Letzte an der Bar war und morgens die Erste beim Frühstück. Man muss vielleicht ein tieferes Interesse an Politik haben, um Merkels Fähigkeit schätzen zu können, „die zwei Körper der Königin“, den staatlich disziplinierten und den auch durch Selbstironie zu persönlicher Unabhängigkeit befähigten, zu vereinigen.

          Dass es ihr gelungen ist, mich, der ich wirklich nicht zu ihrer Stammwählerschaft gehöre, im Laufe ihrer vier Kanzlerschaften peu à peu zu gewinnen, hat mich selbst am meisten überrascht, gibt mir aber die Berechtigung, einen alten Antrag des „Luxemburger Worts“ aufzugreifen und sie hiermit für die UNO-Präsidentschaft vorzuschlagen.

          Die bisherigen Folgen der Serie finden sich unter www.faz.net/menschmerkel.

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