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Serie „Mensch Merkel“ : Ein bestürzender Aufstieg

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel als internationales Rollenmodell Bild: AFP

Verachtet, verspottet, verehrt: Die junge Angela Merkel wurde anfangs unterschätzt. Als weibliches Rollenmodell sorgte sie jedoch in den darauffolgenden Jahrzehnten für einen grundlegenden Kulturwandel in der Politik.

          3 Min.

          Natürlich habe ich Angela Merkel nicht ernst genommen. Als Studentin wusste ich, dass diese von Helmut Kohl geförderten Frauen wenig taugen. Ein hellsichtiger Bekannter warnte in den neunziger Jahren vor Merkel. Sein Hass war grenzenlos. Er, der promovierte Akademiker, sparte sich keinen sexistischen Kraftausdruck gegen die junge Politikerin. Ich lachte, wunderte mich über seinen Eifer und erklärte, dass Merkel ohne jede Bedeutung sei.

          Ein Hindernis für Frauen war stets auch die Tatsache, dass man sie sich in wichtigen Berufen gar nicht denken konnte. Das war nicht immer böser Wille; oft eher vorreflexiv, selbstverständlich. Allein die weibliche Stimme! Und wenn Frauen schließlich doch in die Männerwelten eindrangen, dann als klar definierter Typus. Für „weibliche Politiker“ in der jungen Bundesrepublik bot sich nur ein enges habituelles Spektrum: lieber unverheiratet, besser hochgebildet, in jedem Fall überdurchschnittlich klug, nicht den männlichen Schönheitsvorstellungen entsprechend und – ausgesprochen wichtig – nicht nach Macht gierend. Die SPD weitete die Toleranz gegenüber Frauen aus, und seit den achtziger Jahren sorgten auch die Grünen für größere Varianz, aber selbst hier blieben die Macher vorerst männlich, die echten Kerle, die Revoluzzer und Steinewerfer. Männern standen so viel mehr Spielarten und Abweichungen zur Verfügung.

          Bild: Holger Windfuhr

          Als Angela Merkel nach 1989 in die Politik kam, erwies sich die habituelle Bandbreite für Frauen in wichtigen Posten noch als sehr eingeschränkt. Die wenigen Journalistinnen, Chefinnen, Politikerinnen mussten sich an einem ambiguitätsintoleranten Idealtypus messen, der disziplinierte und bei Fehlverhalten dafür sorgte, dass Frauen schrill und lächerlich wirkten. In der berühmten Elefantenrunde vom September 2005 wurde diese Haltung durch Gerhard Schröder wie in einer Karikatur vorgeführt. Der Sozialdemokrat verhöhnte Angela Merkel für die scheinbar vollkommen absurde Idee, sie könne Kanzlerin werden. Und ja, sie passte nicht in die bundesrepublikanische Politik, diese Frau mit ihrer unmöglichen Frisur, mit zu viel Ost und zu wenig Bürgertum, mit ihrer notorischen Unfähigkeit zum Poltern. Sie war machtbewusst, aber nicht aggressiv. Konservativ, aber ohne Perlenkette.

          Angela Merkels Aufstieg war bestürzend. Alle Befürchtungen des sexistischen Bekannten hatten sich erfüllt. Die Männer keiften und höhnten; selbstverständlich begleitet von einigen Frauen. Sie demütigten Merkel und trieben in alter Pracht ihre Überbietungsspiele. Merkel machte nicht mit und ließ sich nichts anmerken. Sie blieb anders, irritierte und weitete das Rollenspektrum: zielsicher, schnörkellos, ostdeutsch, rhetorisch talentfrei und ohne Unterhaltungsqualitäten. Sie exekutierte eine andere Politik als der Großteil ihrer Kollegen, schlicht, meistens an Anstand und Moral orientiert, weitgehend ohne Eitelkeit.

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          Wie so viele in Deutschland habe ich mit der Ära Merkel eine Transformation durchgemacht. Von der Verächterin der komischen Frau bin ich zu ihrem Fan geworden. Sexistische Beschimpfungen gelten heute als ekelhaft und zerstörerisch. Die Welt hat sich verkompliziert. Es ist unklar geworden, wie Politik gestaltet werden sollte und wie Menschen in der Politik aussehen. Sinnfreie Verhöhnungen von Frauen in der Öffentlichkeit sind zwar weiterhin für erstaunlich viele Männer und einige Frauen ein Quell großer Befriedigung. Bei Hillary Clinton wurde das deutlich oder neulich auch bei Annalena Baerbock. Aber die Verächtlichmachung ist als ein Problem erkannt. Die Toleranz für Frauen und damit auch für Menschen jeglicher Abweichungen hat sich enorm ausgeweitet. Noch nie war das Parlament so mannigfaltig. Und die Umfragen bestätigen die Öffnung der Gesellschaft.

          Merkel hat diese Transformation kaum bewusst gepusht. In zahlreichen anderen Ländern vollzogen sich ähnliche Metamorphosen. Aber neben vielem anderen trug eben auch die kompetente Frau an der Spitze eines mächtigen Staates dazu bei. Und doch: Die „Verweiblichung“ eines Berufsfeldes – etwa bei Lehrkräften in den Schulen oder beim Beruf der Geistlichen – geht in aller Regel mit einem Sinkflug des Prestiges und zuweilen auch des Einkommens einher. Am Anfang von Angela Merkels Kanzlerinnenschaft stellte die Historikerin Angelika Schaser die Frage, ob eine Frau an der Regierungsspitze von Emanzipation zeuge oder vom Niedergang der Politik. Vielleicht ist beides richtig. Und vielleicht tut es der Politik gut, die frohlockenden Höhen männlicher Prätention hinter sich zu lassen und tiefer in die Niederungen menschlicher Zumutungen zu sinken.

          Hedwig Richter, 1973 geboren, lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München und veröffentlichte zuletzt das Buch „Aufbruch in die Moderne. Reform und Massenpolitisierung im Kaiserreich“. Die bisherigen Folgen finden Sie im Internet unter www.faz.net/menschmerkel.

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